Fünf prächtige Platanen wurden mitten in Köln gefällt – für eine 21-spurige Kreuzung! Unser Kolumnist Hans Lauber fragt sich: Wann werden die Menschen endlich wach?

Sie kamen sonntags im Morgengrauen. Sie kommen immer im Morgengrauen. Die Fäller der Bäume. Diesmal wurden fünf prächtige Platanen, die sich viele Jahrzehnte am Rande der feinstaubstrotzenden Bonner Straße behauptet hatten, einen Tag vor Rosenmontag in wenigen Stunden bis auf die Baumscheibe abgesägt. Ein Frevel! Aber beschlossen vom Kölner Stadtrat mit großer Mehrheit. Denn an dieser Stelle, wo kaum noch etwas Grünes wächst, wird eine 21-spurige Kreuzung gebaut.

21 Spuren! Im Jahr 2021! Mitten in einer Pandemie, die auch dem letzten (und natürlich der) klar machen müsste, dass ein Weiter so – ein Weiter so in den Abgrund bedeutet. PR-wirksam den Klimanotstand ausgerufen hat die Oberbürgermeisterin Henriette Reker, die in ihrer Engsichtigkeit aber noch nichts davon gehört hat, dass ihre Pariser Kollegin Anne Hidalgo die Autos rigoros aus der Stadt drängen will; die natürlich noch nie in Kopenhagen war, wo das Fahrrad absolute Priorität hat – und wo eine 21-spurige Autokreuzung sofort zu einem Volksaufstand führen würde.

Nichts davon im karnevalsseligen Köln, wo das fatalistische Motto lautet „Et is, wie et is“ – und wo die grüne Bezirksvertreterin Inga Krautz, laut Kölner Stadtanzeiger, vor allem „belastend findet, dass die Terminierung an den Karnevalstagen ohne öffentliche Kommunikation“ stattgefunden hat. Keine wirkliche Einsicht auch beim SPD-Fraktionsvorsitzenden Jörg Klusemann: „Vielleicht ist die Größe des Ausbaus jetzt noch zeitgemäß. Aber in einigen Jahren wohl nicht mehr“.

In einigen Jahren? Schon jetzt nicht mehr, bitte aufwachen! Natürlich sind es „nur“ fünf Bäume – aber sie kommen zu den über 300 Platanen, die schon einige Jahre zuvor in der Bonner Straße gefällt wurden für den Bau einer Straßenbahn, obwohl es Alternativen gegeben hätte.

Wenn in China ein Sack Reis umfällt, konnten wir bislang noch immer sagen: Na und? Vor einem Jahr ist in China ein Sack Reis in Form einer virenverseuchten Fledermaus (oder einer Freisetzung aus einem Labor in Wuhan?) umgefallen – und die Welt kämpft verzweifelt mit den Folgen, weil eben inzwischen alles mit allem zusammenhängt. Was hat das mit den Platanen zu tun? Sehr viel, denn der Kölner Baumfrevel zeigt, dass uns die Natur egal ist, sei es in Köln oder anderswo in Deutschland. Denn irgendwie gibt es immer eine Begründung, warum gerade diese Bäume weg müssen. Nur, wie wollen wir dann den Ländern mit Urwäldern klar machen, dass sie die zu schützen haben? Denn diese Länder haben auch immer irgendwie eine Begründung, warum genau dieser Urwald abgeholzt werden muss.

Wie überlebenswichtig auch für uns diese Dschungel sind, hat mir der Umweltweise der Bundesregierung, Prof. Josef Settele, in einem Statement erläutert. Ihn hatte ich im Nachgang eines Artikels über Traditionsmedizin provokant gefragt, warum wir nicht die Urwälder komplett roden, damit uns von dort keine Viren mehr bedrohen können. Seine Antwort:

Wenn wir den Regenwald beseitigen, werden wir auf dem Weg dahin das Auftreten von Pandemien erst recht entsprechend angefacht haben, sodass der Zustand danach für uns in der Tat keine Rolle mehr spielen dürfte, (da der Mensch nicht mehr da ist), oder wir in einem permanenten Kampf mit Krankheiten stecken dürften. Es stünden nach einer Vernichtung der natürlichen Ökosysteme noch viel mehr Regionen ´zur Verfügung` für eine ungebremste Ausbreitung von Krankheiten und Zoonosen“.

Ein höflicher Wissenschaftler ist Prof. Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung, weshalb er die wahrhaft brutale Konsequenz unseres Handelns freundlicherweise in Klammern gesetzt hat. Aber ich wiederhole es hier noch einmal dick und fett: DA DER MENSCH NICHT MEHR DA IST.

Erfolgsautor Frank Schätzing („Der Schwarm“) wohnt nur einige hundert Meter vom Tatort des Baumfrevels entfernt in der Kölner Südstadt. Gerade hat er ein Sachbuch zur Klimakrise veröffentlicht mit dem vielversprechenden Titel „Was, wenn wir einfach die Welt retten?“ Da stehen nützliche Dinge drin, wie das Wasser beim Zähneputzen nicht laufen zu lassen und fragwürdige, wie wieder auf Kernkraftwerke zu setzen.

Schön, dass er die Welt retten will. Noch schöner wäre es aber, wenn er für die Rettung vor der eigenen Haustür eintreten würde, etwa in Form eines Protestes gegen das Abholzen oder noch besser: Wenn er sich Gedanken gemacht hätte, was denn die Platanen in seiner Nähe in Wirklichkeit für einen Wert haben? Wenn er mit seinem Wissen und seinen Recherchemöglichkeiten das ökologische und klimatologische Potential von Stadtbäumen (einschließlich der Vorbildfunktion für andere Länder) berechnet hätte – und wenn dabei vielleicht herausgekommen wäre, dass so ein Baum an so einer herausragenden Stelle eine Million Euro wert ist?

Bei über 300 gefällten Bäumen wären das über 300 Millionen Euro – und das wäre dann eine Dimension, wo es plötzlich ein Aufhorchen gäbe. Wo sich womöglich sogar die Bürgermeisterin Reker gefragt hätte, ob es bezahlbar ist, dem Auto einen 21-spurigen roten Teppich auszurollen.

Wir subventionieren die Entstehung künftiger Pandemien

Wer wirklich wissen will, wie der Raubbau an der Natur mit der Entstehung von Pandemien zusammenhängt, dem empfehle ich dringend ein Papier, das Prof. Settele mit drei anderen Wissenschaftlern für eine UN-Organisation der Biodiversität geschrieben hat, und das er mir geschickt hat. Es stammt vom April 2020 – und ist nach wie vor hochaktuell. Auch deshalb, weil das Papier Forderungen enthält, langfristig die Subventionen, etwa für die Landwirtschaft, nach ökologischen Gesichtspunkten auszurichten. Geschieht dies nicht, „subventionieren wir im Wesentlichen die Entstehung künftiger Pandemien“, so die Autoren.

Aber auch nach über einem Jahr sind keine Tendenzen in diese Richtung erkennbar, sodass das Narrativ heißt: Nach der Pandemie ist vor der Pandemie.

Rettete die Bäume auch nicht: Reker-Rücktritt.


von Hans Lauber
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