Klaus Blume, Zweiter Vorsitzender des Diabetikerbund Hamburg, war mit insulinpflichtigem Diabetes lange Jahre weltweit als Reporter tätig. Er hat dabei die Erfahrung gemacht, dass Menschen mit Diabetes selbstbewusst über ihre Krankheit sprechen sollten – auch, um falschen Annahmen und Stigmatisierungen adäquat zu begegnen.

Schlimm, wie die Polizei Hamburg übers Ziel hinausgeschossen ist, in dem sie in einem Plakat-Motiv die Insulin-Injektionen mit Heroin-Konsum in eine direkte Verbindung brachte – Bürger sollten es bei der Polizei melden, wenn sie Menschen beim Injizieren beobachten, die könne dann klären, um was es sich handelt. Nach heftiger Kritik und einer Anfrage des Diabetes-Journals hat die Behörde das Motiv umgehend zurückgezogen.

Ob er nicht Insulin gegen das Corona-Virus einsetzen solle, fragte Präsident Donald Trump. Jerome Adams, Chef der US-Gesundheitsbehörde, wagte, einzuwenden: „Ihr Körper, Herr Präsident, stellt Insulin selbst her.“ Der Präsident nahm‘s zur Kenntnis, blieb aber skeptisch.

Doch was lernen wir, die betroffenen Diabetiker, daraus?

Unwissenheit ist weit verbreitet

Nun rümpfen Sie nicht gleich die Nase. Fragen Sie lieber Ihre Nachbarn, auch ihre engsten Freunde, was die so über Diabetes wissen. Wahrscheinlich nichts. Warum auch? Würde sonst so viel Krudes über uns verbreitet? Dass wir - ohne Pillen und Insulin - unserer „Zuckerkrankheit“ durchaus Herr werden könnten: Mit Sauerkraut statt Schwarzwälder-Kirsch, mit Zitronenschorle statt Eierlikör, mit Selters anstelle süßen Sektes. Alles Humbug.

Merke: Unwissenheit schützt vor Torheit nicht. Aber Lesen und Weiterbilden. Und: Wir Diabetiker sollten selbstbewusst über unsere Krankheit sprechen - vor allem darüber, wie wir trotzdem unseren Beruf ausüben.

Als zuckerkranker Reporter bin ich jahrzehntelang auf Achse gewesen. Weltweit, bis zweihundert Tage im Jahr. Überm Herzen einen eingebauten Defilibrator, im Handgepäck zwei Sorten Insulin und den für vier Wochen abgezählten Tagesbedarf von jeweils 18 Tabletten. Wissend, dass ich allabendlich andernorts schlafen würde

Wie z.B. auf der Tour de France, wobei die großen Hotels der Tour-Direktion, den Rad-Teams und den Fernseh-Stars vorbehalten sind. Reporter für Hörfunk, Agenturen und Zeitungen übernachten in winzigen Landgasthöfen. In einem solchen Hotel deponieren Sie zu allererst das Insulin im Kühlschrank der Küche, denn auf Ihrem Zimmer gibt‘s so etwas nicht. Auf den Nachtisch, nur notdürftig beleuchtet, kommen dann Ihre Tabletten, griffbereit für die Nacht.

Immer die Nerven behalten!

Man muss nur immer die Nerven behalten. Wie auf der Dienstreise nach Amerika, mitten im Winter. Mit Zwischenlandung in New York. Ich habe mein Insulin und einen Sack Tabletten für zehn Tage in meinem Handgepäck dabei. Auch eine in englischer Sprache abgefasste ärztliche Bescheinigung, die mich als insulinpflichtigen Diabetiker ausweist. Mißtrauisch beginnt der Beamte dennoch sein Verhör. Was ich denn überhaupt in den USA wolle? Ich lege ihm meine olympische Akkreditierung vor und gebe ihm zusätzlich die Rufnummer unserer New Yorker Redaktion. Nach einer Stunde Wartens fliege ich endlich weiter. Mit Insulin und Tabletten - und einem „Entschuldigung, Sir!“

Im kanadischen Quartier messe ich meinen Blutzucker: 220! Das geht drei Tage so. Egal, was ich esse, trinke, spritze. Ich will mich schon mit einem deutschen Mannschaftsarzt beraten, da sackt mein Zuckerwert urplötzlich auf das übliche Maß ab. Einfach so. Und mein Insulin? Der Hotelwirt, zugleich Barkeeper, Buchhalter und Geschäftsführer, legt meine Ampullen in seinen gläsernen Kühlschrank, gleich neben den Whisky. Auf die Ampullen schreibt er meinen Namen: „Damit du weißt, wo du jetzt zu Hause bist.“


von Klaus Blume
Zweiter Vorsitzender des Diabetikerbund Hamburg