Anja R. war weltweit einer der ersten beschriebenen Fälle einer Typ-1-Diabetes-Patientin, die an COVID-19 erkrankte. Im Interview berichtet sie über ihre persönlichen Erfahrungen, die sie während der Infektionserkrankung gemacht hat. Klar ist aber natürlich: Der Verlauf der Erkrankung ist bei jedem Menschen unterschiedlich!


Das Interview ist in gekürzter Form in der aktuellen Ausgabe des Diabetes-Journals erschienen. Der vollständige Beitrag wurde erstmals Ende März auf dem Online-Portal Blood Sugar Lounge – Die Diabetes-Community veröffentlicht.


Diabetes-Journal: Anja R., wie kam es zur Diagnose?
Anja R.:
An einem Mittwochmittag, an dem ich noch viel Zeit mit meiner 4 Jahre alten Nichte verbracht hatte, kam die Nachricht von unserer Teamleitung meiner Kita, dass wir alle in Quarantäne müssen, eine Kollegin von uns hat das Coronavirus. Da wir bis zu diesem Zeitpunkt in der Kita einen nicht zu ändernden engen Kontakt zu Kindern und zueinander hatten, war klar, dass wir alle Kontaktpersonen der Kategorie I (mindestens 15 Minuten Gespräche mit maximal 2 Meter Abstand) sind. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt schon Schnupfen und einen nervigen Geschmacks- und Geruchsverlust …

Am nächsten Tag setzte ich mich so wie jeder andere in unserem Team ans Telefon. Wir versuchten, ein Gesundheitsamt zu erreichen, um klare Anweisungen zu erhalten. Leider waren die nicht wirklich erreichbar. Aus lauter Verzweiflung habe ich dann beschlossen, eine Ärztin anzurufen. Diese hat sich meine Symptome angehört und dann schnell entschieden, dass ich zum Abstrich fahren sollte. Fahren? Ja, richtig, ich musste in den Corona-Drive-in. Von der Ärztin habe ich einen Code bekommen, mit diesem musste ich zu einer extra für Corona-Abstriche eingerichteten Abstrichstelle fahren.

Dort wurde dann der Code abgefragt und anschließend der Abstrich gemacht – alles aus meinem eigenen Auto heraus. Um das Ergebnis zu bekommen, musste ich meine Handynummer hinterlassen. Das Ergebnis würde mir dann über SMS oder Anruf mitgeteilt werden.

Natürlich habe ich probiert, positiv zu denken und dass es bestimmt ein negativer Abstrich würde, schließlich sind die Symptome alle nur leicht gewesen und Geschmacksverlust, Geruchsverlust und Schnupfen gehören ja nicht zu den bekanntesten Corona-Symptomen. Einen Tag später kam zum Schnupfen, Geschmacksverlust und Geruchsverlust noch der Durchfall. Am Samstagmittag, 21. März, kam dann der Anruf vom Gesundheitsamt mit meinem Ergebnis: Ich bin positiv. Von da an war ich dann einer der vielen Infizierten, die jeden Tag gezählt werden.

Diabetes-Journal: Wie haben sich die Symptome entwickelt?
Anja R.:
Wie bereits berichtet, habe ich mit sehr milden Symptomen angefangen. Zuerst hatte ich nur Schnupfen. Kurz danach kam dann das für mich Schlimmste, der Verlust von Geschmack und Geruch. Zu guter Letzt habe ich dann auch noch leichten Durchfall bekommen. Momentan merke ich, wie es jeden Tag leicht besser wird, langsam rieche und schmecke ich wieder ein wenig, von Tag zu Tag wird es langsam mehr. Auch mein Schnupfen ist nahezu weg. Ich bin sehr dankbar, dass es nur so milde Symptome sind.

Diabetes-Journal: Man liest ja überall, „gut“ eingestellte Diabetiker sind nicht mehr gefährdet als die restliche Bevölkerung. Wie waren deine Glukosewerte vor der Diagnose?
Anja R.:
Ich werde nie die Worte meiner alten Dia­betologin vergessen, die mich immer Vorzeige-Diabetiker genannt hat. So ist es nicht immer. Ich bin aber ein gut eingestellter Dia­betiker, mein letzter HbA1c-Wert war 6,2 %. Natürlich habe auch ich mal schlechte Tage, aber die meiste Zeit sind mein Diabetes und ich uns einig.

Diabetes-Journal: Wie wirken sich die Infektion und die Quarantäne auf deine Zuckerwerte aus?
Anja R.:
Meine lieben Zuckerwerte haben sich entschieden, das Virus mit einem nächtlichen Unterzucker zu bekämpfen. Auch tagsüber muss ich viel dafür tun, damit sie oben bleiben. Da ich dies aber ab dem 3. Tag gemerkt habe, konnte ich einfach meine Insulinzufuhr über Nacht reduzieren. So läuft meine Insulinpumpe jetzt über Nacht nur auf 90 %. Tagsüber berechne ich nur 50 % der tatsächlich gegessenen Menge. Seitdem ich das mache, passt das recht gut.

Diabetes-Journal: Hattest du Kontakt zu einem Diabetologen?
Anja R.:
Nein, solange meine Werte stimmen, denke ich, ist das auch nicht nötig.

Diabetes-Journal: Was bedeutet die Diagnose für dich persönlich?
Anja R.:
Die Diagnose, coronapositiv zu sein, hat erst einmal alles in mir zusammenstürzen lassen. Die Diagnose hat für mich bedeutet, mindestens 14 Tage keinen anderen Menschen zu sehen. Die Zeit in Quarantäne, in der ich positiv bin, bin ich allein. Wobei ich sagen muss, ich war und bin NIE ganz allein. Ich habe 2 wundervolle Katzen, die mich auch in der Zeit nicht allein lassen.

Sehr schnell haben wir uns als Familie abgesprochen. Tägliche Telefonate, Videoanrufe und Nachrichten haben mir gezeigt, dass ich nicht allein bin. Zu sehen, wie meine Neffen mit dem neuen Roller durch die Wohnung flitzen, hat mich schnell aufgebaut. Darüber hinaus haben auf einmal viele Freunde und Kollegen mich angeschrieben und sich von fern mit netten Sprüchen und netten Worten um mich gekümmert.

Diabetes-Journal: Wurdest du diskriminiert?
Anja R.:
Tatsächlich war das im Vorhinein meine Angst, ich meine, ich bin der Auslöser, dass andere in Quarantäne müssen. Dies war aber gar nicht der Fall. Es hat mich gefreut, dass niemand in diese Richtung etwas geäußert hat. Ganz im Gegenteil: Ich hatte das Gefühl, dass sich viele um mich sorgen. Menschen, die ich lange nicht gesehen oder gehört habe, haben mir auf einmal angeboten, für mich einkaufen zu gehen.

Diabetes-Journal: Wie beschäftigst du dich in der Quarantäne?
Anja R.:
In meiner Zeit in Quarantäne telefoniere ich ganz viel mit allen möglichen Freunden und Familienmitgliedern. Der Kontakt zu den anderen darf ja nicht vernachlässigt werden. Wenn ich gerade nicht am Telefonieren bin, lasse ich gern meiner kreativen Ader freien Lauf. Aber auch das Lesen kommt nicht zu kurz. Auch der Fernseher ist viel am Laufen, doch die Nachrichten meide ich ein wenig. Momentan will ich gar nicht wissen, wie viele Leute infiziert sind. Ich verfolge lieber die Zahlen der Genesenen, denn zu denen werde ich hoffentlich auch bald dazugehören.

Diabetes-Journal: Vielen Dank für das nette Gespräch.

Die Geschichte von Anja R. (als einer der ersten Fälle mit Typ-1-Diabetes und COVID-19, der beschrieben worden ist) aus der Blood Sugar Lounge ist in einer Zeitschrift des ehrwürdigen und international renommierten britischen Verlags von The Lancet erwähnt worden – genauer in der Zeitschrift The Lancet Diabetes & Endocrinology.

Weitere Informationen hierzu finden Sie im Beitrag „#BSLounge in „The Lancet“ – COVID-19 und Typ-1-Diabetes: Einer der ersten Fälle …“.

Interview: Lena Schmidt
Redaktion Diabetes-Journal, Kirchheim-Verlag,
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Erschienen in: Diabetes-Journal, 2020; 69 (7) Seite 14-15