Ist Alkohol ein Nahrungsmittel, in Maßen gesund oder schädlich? Diese Frage stellen sich schon seit Jahrhunderten Ärzte und Wissenschaftler, und ganz geklärt ist diese Frage noch immer nicht.

Alkohol hat als Genussmittel, Rauschstoff, aber auch als Nahrungsmittel eine jahrtausendealte Tradition. Vermutlich gibt es alkoholhaltige Speisen und Getränke seit Beginn der Menschheit. Das älteste bekannte Bier wurde wahrscheinlich schon im achten Jahrtausend vor Christus im Sudan aus Hirse hergestellt. Die ersten Hinweise auf den Anbau von Wein stammen aus dem fünften Jahrtausend vor Christus – aus Mesopotamien und dem heutigen Iran.

Im Gegensatz zur islamischen Welt, deren Glaubensgrundsätze überwiegend Alkoholkonsum verbieten, sind in der westlichen Hemisphäre alkoholische Getränke als Genussmittel anerkannt und weit verbreitet. Dies zeigen die aktuellen Zahlen zum Alkoholgenuss in Deutschland. In der letzten großen Umfrage zum Thema (2013) gaben 96,4 Prozent der Bevölkerung zwischen 18 und 64 Jahren an, Alkohol zu trinken; abstinent lebten im letzten Jahr vor der Umfrage nur 13 Prozent.

Alkohol – ein gefährliches Suchtmittel?

Die Kehrseite des Alkohols ist, dass Suchtexperten Alkohol als eine legale Droge bezeichnen – denn für viele Menschen ist der Alkoholgenuss zur Sucht geworden. Der aktuelle Suchtbericht der Bundesregierung geht davon aus, dass rund 3,4 Millionen Menschen in Deutschland ernsthafte Probleme mit dem Alkohol haben: Knapp 1,8 Millionen leiden unter einer Alkoholsucht, Männer sehr viel häufiger als Frauen. Weitere 1,6 Millionen Männer und Frauen zwischen 18 und 64 Jahren trinken missbräuchlich Alkohol und nehmen körperliche, psychische und soziale Folgen in Kauf.

Unstrittig ist, dass missbräuchlicher Alkoholkonsum die Leber (Leberzirrhose), das Herz, das Gehirn und die Nerven schädigt, und viele Erkrankungen wie Krebs, aber auch Typ-2-Diabetes begünstigt. Auch viele Unfälle im Straßenverkehr und im Beruf stehen im Zusammenhang mit Alkohol, viele Gewaltdelikte werden unter Alkoholeinfluss begangen. Die Frage nach der Grenze zwischen gesundheitlich unbedenklichem und schädlichem Alkoholkonsum ist deshalb hochaktuell und beschäftigt Ärzte, Wissenschaftler und Politiker schon seit langem.

"Anstie’s limit" und aktuelle Richtwerte

Von dem britischen Arzt Francis Anstie stammt aus dem Jahr 1870 der erste Versuch, die Grenze genauer zu definieren. Das nach ihm benannte Anstie’s limit betrug 42 Gramm reinen Alkohol (also etwa drei Glas Bier 0,33 l oder eine halbe Flasche Wein).

Moderne Empfehlungen sind gar nicht so weit entfernt von diesem Maß: Die Deutsche Hauptstelle gegen die Suchtgefahren e. V. gibt als Grenzwerte für einen risikoarmen Konsum12 Gramm Alkohol pro Tag für Frauen und 24 Gramm für Männer an. Bei Männern entspricht dies in etwa einem halben Liter Bier oder 0,25 Liter Wein, bei Frauen 0,25 Liter Bier oder einem recht kleinen Glas Wein (etwa 0,12 Liter).

Die Weltgesundheitsbehörde (WHO) definiert einen Konsum von 10 Gramm Alkohol pro Tag bei Frauen und 30 Gramm Alkohol pro Tag bei Männern als risikoarm. Oberhalb dieser Grenzwerte spricht man von einem schädlichen oder riskanten Alkoholkonsum. Ergänzend gilt die Empfehlung, an mindestens zwei Tagen in der Woche keinen Alkohol zu trinken, um einer Gewöhnung entgegenzutreten.

Wahrscheinlich haben Sie schon ganz unterschiedliche Richtwerte gelesen. In der Tat werden die Richtwerte immer wieder angepasst und sind selbst in verschiedenen Ländern in Europa unterschiedlich. Dies deutet darauf hin, dass auch die Wissenschaft sich in der Bewertung des Alkohols nicht ganz einig ist.

Ist Alkohol auch gesundheitsfördernd?

Schwierig ist die Diskussion auch deshalb, weil sich in den letzten Jahren Ergebnisse von wissenschaftlichen Studien mehren, die dem Alkohol – in Maßen genossen – sogar eine gesundheitsfördernde Wirkung zuschreiben. So kamen relativ viele Studien zu dem Schluss, dass ein moderater Alkoholkonsum im Vergleich zu einem geringen Konsum oder zur Abstinenz in Hinblick auf die Entstehung eines Typ-2-Diabetes Typ2-Diabetes günstig ist und einen gewissen Schutz der Blutgefäße darstellt.

Der schützende Effekt des mäßigen Alkoholkonsums wird dadurch erklärt, dass Alkoholgenuss einer Unempfindlichkeit der Zellen für Insulin (Insulinresistenz) entgegenwirkt. Diese positive Wirkung betrifft jedoch vor allem Personen mit einer bereits bestehenden, erblichen Insulinresistenz und Übergewicht. Einige Studien kamen zu dem Ergebnis, dass Menschen mit mäßigem Alkoholkonsum seltener Herz-Kreislauf-Erkrankungen entwickeln und vor Herzerkrankungen geschützt werden – vor allem vor der Durchblutungsstörung am Herzen, die letztlich zum Herzinfarkt führt.

Auswirkungen des Alkohols: kontroverse Debatte

Ob das tatsächlich so ist und welche Mechanismen dafür verantwortlich sind, ist noch nicht gänzlich geklärt. Während einige Wissenschaftler meinen, es sei der Alkohol selbst, der durch eine Erweiterung der Arterien diese günstigen Effekte bewirkt, sagen andere, dass die Inhaltsstoffe des Alkohols – z. B. die in den Schalen von roten Trauben enthaltenen Polyphenole – einer Verengung der Blutgefäße entgegenwirken. Auch ein Anstieg des guten Cholesterins (HDL-Cholesterin) wird von einigen Forschern für den gesundheitsfördernden Effekt des Alkohols verantwortlich gemacht.

Menschen mit Diabetes sollen daher darüber aufgeklärt werden, dass ein mäßiger, risikoarmer Alkoholgenuss mit einer guten Stoffwechseleinstellung gut vereinbar ist und evtl. sogar langfristig gesundheitliche Vorteile hat. Es gibt jedoch auch spezielle Risiken bei Diabetes, vor allem in Bezug auf Unterzuckerungen, bei der Einnahme von Medikamenten und im Zusammenhang mit bestimmten Folgeerkrankungen.

Achtung vor Unterzuckerungen!

Alkoholische Getränke enthalten zwar Kohlenhydrate, die den Blutzucker nach dem Alkoholgenuss ansteigen lassen. Aber der Alkohol blockiert gleichzeitig die Neubildung von Zucker in der Leber, so dass mit einer Verzögerung von ca. 4 bis 6 Stunden der Blutzucker abfällt und eine Unterzuckerung droht.

Aufpassen müssen vor allem Patienten, die Insulin spritzen oder Tabletten zur Blutzuckersenkung der Klasse der Sulfonylharnstoffe oder Glinide einnehmen. Um einer Unterzuckerung vorzubeugen, sollten Sie daher für alkoholische Getränke in der Regel kein Insulin spritzen und zusätzlich langwirksame Kohlenhydrate (z. B. Salzstangen, Chips) essen.

Wenn Sie allerdings zuckerhaltige alkoholische Getränke in großen Mengen konsumieren, kann der Blutzucker so stark ansteigen, dass eine zusätzliche Insulingabe unter Umständen sinnvoll sein kann. Dies sollten Sie mit Ihrem Diabetesteam besprechen. Messen Sie auf jeden Fall immer vor und nach dem Genuss von alkoholischen Getränken den Blutzucker, um eine Unterzuckerung rechtzeitig zu erkennen.

Harte Spirituosen lassen Blutzucker schnell sinken

Bei dem Konsum von harten Spirituosen wie Schnaps, Wodka oder Whiskey sollten Sie besonders aufpassen, da diese bezogen auf die gleiche Alkoholmenge weniger Kohlenhydrate enthalten als etwa Bier oder Wein. Dadurch steigt der Blutzucker nicht an, sondern sinkt relativ schnell.

Achten Sie auch nach dem Alkoholgenuss am Abend unbedingt darauf, dass Ihr Blutzuckerspiegel vor dem Einschlafen ausreichend hoch ist, um einer alkoholbedingten Unterzuckerung vorzubeugen. Eventuell kann auch die Verringerung der abendlichen Dosis des langwirksamen Insulins eine sinnvolle Maßnahme sein, um eine Unterzuckerung zu vermeiden. Zu berücksichtigen sind auch mögliche Wechselwirkungen mit diversen Medikamenten, was gerade bei älteren Menschen mit Diabetes, die oft viele unterschiedliche Medikamente einnehmen, wichtig ist.

Alkoholbedingte Unterzuckerungen

Die Anzeichen einer Unterzuckerungen sind nach Alkoholgenuss schwerer zu erkennen und auch die Einleitung von Gegenmaßnahmen ist im alkoholisierten Zustand nicht einfach. Ist ein Mensch mit Diabetes nach Alkoholgenuss in einer Unterzuckerung nicht mehr ansprechbar, sollte sofort der Notarzt gerufen werden. Da die Leber durch den Alkoholabbau blockiert ist, kann sich der Körper nicht durch eine Neubildung und Ausschüttung von Leberzucker selbst helfen, um den Unterzucker zu beenden. Auch wirkt die Glukagonspritze bei stärkerem Alkoholgenuss nicht mehr.

Alkoholgenuss bei Folgeerkrankungen

Neben dem Unterzuckerungsrisiko muss bei regelmäßigem Alkoholgenuss auch damit gerechnet werden, dass das Gewicht ansteigt und sich die Blutfettwerte und Blutdruckwerte verschlechtern. Außerdem kann der regelmäßige Konsum großer Alkoholmengen die Nerven schädigen, bei bestehenden Nervenschädigungen oder bei Erektionsproblemen sollte daher auf Alkohol verzichtet werden. Dies gilt auch für Patienten mit Leberschädigungen.

Wie ist Ihr Alkoholkonsum?

Wie ist Ihr eigener Umgang mit Alkohol? Mit dem kurzen Test (s. Abb. 1) können Sie überprüfen, ob Ihr Umgang mit Alkohol in Ordnung ist, außerdem können Sie mögliche Risiken und Probleme erkennen.

Hilfen bei Alkoholproblemen

Alkoholprobleme sind weit verbreitet und es gibt zahlreiche Hilfsmöglichkeiten. Der erste – und oft sehr schwierige Schritt – besteht darin, sich selbst einzugestehen, dass ein Alkoholproblem vorliegt. Wenn Ihnen Ihr eigener Alkoholkonsum oder der eines Angehörigen Sorgen bereitet, sollten Sie Kontakt zu einer Alkoholberatungsstelle aufnehmen, die sich in Ihrer Nähe befindet.

Online können Sie eine spezielle Beratungsstelle unter www.suchthilfeverzeichnis.de in Ihrer Nähe ausfindig machen. Telefonisch bekommen Sie diese Informationen auch ganz einfach über das Infotelefon zur Suchtvorbeugung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung unter der Telefonnummer 02 21/89 20 31. Natürlich ist auch Ihr Hausarzt oder Diabetologe ein guter Ansprechpartner für mögliche Probleme mit dem Alkohol. Mittlerweile gibt es auch eine ganze Reihe von Online-Therapieangeboten für Menschen, die ihren Alkoholkonsum hinterfragen oder verändern möchten.

Besonders wenn Sie im Zusammenhang mit Ihrem Diabetes gesundheitliche Probleme haben, sollten Sie Ihren Alkoholkonsum kritisch hinterfragen. Ansonsten gilt im Umgang mit Alkohol noch immer der berühmte Satz des Arztes Paracelsus aus dem 16. Jahrhundert: "All Ding’ sind Gift und nichts ohn’ Gift; allein die Dosis macht, das ein Ding’ kein Gift ist."

Schwerpunkt Alkohol und Nikotin

von Professor Dr. Bernhard Kulzer
E-Mail: kulzer@diabetes-zentrum.de


Erschienen in: Diabetes-Journal, 2016; 65 (1) Seite 20-25