Zur 53. Jahrestagung der europäischen Gesellschaft für Diabetesforschung (EASD) trafen sich vom 11. bis 15. September in Lissabon über 15 000 Teilnehmer. Die Tagung ist der weltweit größte internationale Kongress der Diabetesforschung. In 1 266 wissenschaftlichen Vorträgen und Postern und vielen Symposien wurden die neusten Forschungsergebnisse vorgestellt.

Prof. Juleen Zierath aus Stockholm, Präsidentin der EASD, eröffnete das Meeting in einer riesigen Halle, die von der EASD nach Dr. Ernesto Roma benannt war. 1926 gründete Ernesto Roma die portugiesische Diabetesgesellschaft, die erste Diabetesgesellschaft in Europa. Ihr gehört heute eine große, modellhafte Ambulanz, in der Therapie und Schulung angeboten werden.

In Portugal kann man lernen, wie wirksam ein gemeinsames Auftreten aller Menschen mit Diabetes und Diabetologen sein kann – dort arbeiten seit über 90 Jahren alle Betroffenen und Ärzte erfolgreich zusammen in einer Gesellschaft.

Diabetes-Spitzenforschung

Mancher Forscher war erstaunt, als er die Einladung zu seinem Vortrag zum Beispiel in die "Gert Fröbe Hall" erhielt. Was hat der Darsteller von Goldfinger im James-Bond-Film mit Diabetes zu tun? Die Erklärung fand sich schnell: Die Vortragssäle waren in diesem Jahr nach berühmten Menschen mit Diabetes benannt. Die EASD wollte damit zeigen, wie sehr Menschen mit Diabetes im Mittelpunkt der Forschung stehen.

Es fanden sich im Programmheft die Künstler Ella Fitzgerald und Gert Fröbe, der Maler Paul Cézanne und die Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt, Heinrich Böll und Jules Verne. Auch der Erfinder Thomas Alva Edison war dabei.

Zwei der Vortragshallen waren nach Ärzten mit Diabetes benannt, denen durch die Entdeckung des Insulins im letzten Moment das Leben gerettet wurde: der spätere Nobelpreisträger George R. Minot, dessen Entdeckung der Behandlung der perniziösen Anämie vielen Menschen das Leben rettete, und der Gründer der britischen Diabetesgesellschaft Robert Daniel Lawrence – einer der ersten Patienten, die in London Insulin bekamen.

"Claude Bernard Preis" nach Lausanne

Nach dem berühmten Franzosen Claude Bernard ist der wichtigste Preis der EASD benannt. Die ersten beiden Preisträger bekamen später den Nobelpreis. Der Preisträger 2017, Prof. Bernard Thorens, wurde berühmt durch wichtige Entdeckungen, durch die wir die Aufnahme von Zucker in die Zelle und die Steuerung der Insulinfreigabe in Betazellen besser verstehen.

Jetzt zeigte er Ergebnisse von Untersuchungen an Mäusen, die mit ausgefeilter Technik feststellen können, wie und wo im Gehirn über die Messung des Blutzuckerspiegels das Hungergefühl gesteuert wird.

800.000 € für die Forschung nach Texas

Gefördert von der Novo Nordisk-Stiftung vergab die EASD den "EASD Diabetes Prize for Excellence", mit dem 800.000 Euro Forschungsförderung verbunden sind. Der Preis ging in die USA: Philipp R. Scherer arbeitet in Dallas in Texas. Er wurde in der Schweiz geboren und studierte in Basel. Scherer ist der Entdecker des Adiponektins – eines Botenstoffes, der von Fettzellen gebildet wird und mit der Entwicklung von Arteriosklerose zusammenhängt.

Früher sah man das Fettgewebe als einen eher trägen Ort der Energiespeicherung an. Heute weiß man, dass es auch beim Menschen verschiedene Sorten Fettgewebe gibt. Sehr interessant ist das braune Fettgewebe, in dem Fett verbrannt wird, um Wärme zu erzeugen. Fettzellen können neu entstehen und auch verschwinden oder sich in andere Zellen umwandeln.

Ein Feuerwerk großer Studien

Ein ganzes Feuerwerk großer Studien mit Medikamenten wurde in Lissabon vorgestellt und gleichzeitig in renommierten internationalen Zeitschriften veröffentlicht. Neu war, dass in zwei großen Studien SGLT-Hemmer jetzt auch bei Menschen mit Typ-1-Diabetes getestet wurden; die Medikamente führen zu vermehrter Urinzuckerausscheidung und senken so den Blutzucker.

Bei Typ-2-Diabetes werden sie bereits eingesetzt. Nun zeigten zwei Studien an Menschen mit Typ-1-Diabetes, dass auch hier durch diese Medikamente der Blutzucker sinkt und damit weniger Insulin nötig ist. Ob das auf Dauer einen Vorteil hat, ist allerdings fraglich. Der Einsatz ist nicht ungefährlich: Außer den bei dieser Medikation häufigen Infektionen im Genitalbereich kann es zu einer gefährlichen Übersäuerung des Blutes kommen (Ketoazidose). Die SGLT-Hemmer sind deshalb bisher nirgends auf der Welt für die Behandlung des Typ-1-Diabetes zugelassen.

CGM erfolgreich bei Schwangeren

Ein Meilenstein für die Diabetestechnologie war auf dem EASD-Meeting die Vorstellung der CONCEPTT-Studie, die bezüglich der Neugeborenen ein besseres Ergebnis bei Einsatz der kontinuierlichen Glukosemessung bei Schwangeren zeigte. Prof. Elisabeth Mathiesen aus Dänemark kommentierte die Studie und warnte vor allzu großem Enthusiasmus. In ihrer Klinik sei die Diabeteseinstellung der Schwangeren auch ohne CGM deutlich besser als in einigen Zentren der Studie. Dennoch trat sie für den Einsatz von CGM bei ausgewählten Schwangeren ein.

Typ-2-Diabetes: keine einheitliche Krankheit

Das Meeting in Lissabon wird in die Geschichte der Diabetesforschung eingehen als der Anfang vom Ende des "Typ-2-Diabetes". Mitte der 1980er Jahre wurde die Einteilung der Diabetesformen in Typ-1- und Typ-2-Diabetes eingeführt, besonders aktiv dabei waren Prof. Harry Keen und Prof. K. G. M. M. Alberti; Letzterer wurde wegen seiner Verdienste um die Diabetesforschung von Königin Elisabeth zum Sir George geadelt. Der in Koblenz geborene Sir George, ehemals EASD-Präsident, wird in diesem Jahr 80 Jahre alt.

Die Diabetesforschung schenkt ihm hierzu, dassdie Einteilung des Diabetes endlich genauer werden kann. Heute gibt es immer überzeugendere Argumente dafür, dass der "Typ-2-Diabetes" eine Gruppe verschiedener Erkrankungen darstellt – mit unterschiedlichen Ursachen, Verläufen und Prognosen.

Ein hochkarätiges Publikum fand sich deshalb im Saal der Präsentation der Daten der ANDIS-Studie aus Schweden, die unter der Leitung von Prof. Leif Groop durchgeführt wird. 15 000 neu aufgetretene Fälle mit Typ-2-Diabetes wurden im Süden von Schweden zwischen 2009 und 2013 sehr genau untersucht und dann im Rahmen des nationalen schwedischen Diabetesregisters weiter beobachtet. Jetzt wurden erste Ergebnisse vorgestellt:

Der Typ-2-Diabetes ist keine einheitliche Krankheit. Die Forscher konnten anhand weniger bei Diagnosestellung gemessener Merkmale statistisch fünf verschiedene Gruppen unterscheiden:
  1. Patienten mit GAD-Antikörpern, bei denen wahrscheinlich eine dem Typ-1-Diabetes ähnliche Erkrankung vorliegt,
  2. Patienten mit deutlichem Insulinmangel, mit früherem Krankheitsbeginn und hohem HbA1c; diese Patienten brauchten nach vier Jahren häufiger Insulin, hatten ein höheres HbA1c und es trat häufiger Retinopathie auf,
  3. Patienten mit deutlicher Insulinresistenz bei Diagnosestellung, bei ihnen kam es häufiger zu Nierenschäden,
  4. Patienten mit relativ "mildem" Diabetes und Adipositas,
  5. Patienten mit "mildem" Diabetes im höheren Lebensalter.

Die Gruppen 4 und 5 zeigten nach vier Jahren bisher einen noch problemlosen Verlauf. Auffällig war, dass sich die Gruppen auch bezüglich speziell mit Diabetes verbundener Gene unterscheiden. Noch ist es viel zu früh, aus diesen Untersuchungen praktische Konsequenzen abzuleiten, weitere Beobachtungsjahre und mehr Patienten werden hinzukommen.

Aber: Diese Studie markierte den Anfang vom Ende des "Typ-2-Diabetes", und wer in diesem Vortrag im EASD-Meeting in Lissabon war, kann wie Goethe nach Valmy sagen, er sei bei einem wichtigen Ereignis dabei gewesen.

Bewegung: auch gut bei Typ-1-Diabetes

Finnland ist bekannt für ausgezeichnete klinische Diabetesforschung. Dort wird die FINNDIANE-Studie durchgeführt, die 2 369 Menschen mit Typ-1-Diabetes über viele Jahre beobachtet. Einer der Verantwortlichen dieser Studie ist Prof. Per Hendrik Groop, der jüngere Bruder von Leif Groop (siehe oben).

FINNDIANE zeigte über einen Zeitraum von 11 Jahren, dass bei Menschen mit Typ-1-Diabetes, die sich körperlich mehr bewegen, weniger Todesfälle durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen auftreten. Dies war in der Untersuchung auch bei den Patienten der Fall, bei denen bereits Herz-Kreislauf-Erkrankungen bestanden. Natürlich gilt dies nur für gut geschulte Menschen mit Typ-1-Diabetes, die ihren Blutzucker regelmäßig messen und ihre Insulindosis an den verminderten Bedarf bei Sport anpassen.

Blutzucker zu tief gesenkt

Das Gesundheitssystem der Niederlande ist bekannt für wissenschaftlich fundierte Leitlinien und ein gut funktionierendes System der hausärztlichen Versorgung. Die Versorgungsforschung ist dort auf einem sehr hohen Niveau. Nachdem neuerdings ADA und EASD in ihren gemeinsamen Empfehlungen individuelle Therapieziele bei der Blutglukosesenkung gefordert hatten, wurde in den Niederlanden die Diabetes-Leitlinie entsprechend geändert – bei sehr alten Menschen sollten jetzt höhere HbA1c-Werte toleriert werden.

Es gelang aber nicht, diese Empfehlung umzusetzen, immer noch wurden 20 Prozent der alten Patienten "übertherapiert", zum Teil mit negativen Folgen wie schweren Hypoglykämien.

Auf dem EASD-Kongress wurden Zahlen aus dem DMP Diabetes in Nordrhein-Westfalen von über 40 000 Menschen mit Typ-1-Diabetes gezeigt; von den dort sehr guten HbA1c-Werten und der relativ niedrigen Rate an Folgeschäden des Diabetes kann man in vielen Ländern nur träumen. Auch dass Patientenschulung bei Diabetes in Europa angemessen bezahlt wird, ist leider eine große Ausnahme.


von Dr. med. Viktor Jörgens
Director EASD/EFSD (1987 – 2015),
Dr-Viktor-Joergens@t-online.de
und Dr. Monika Grüßer
Director EASD/EFSD


Erschienen in: Diabetes-Journal, 2017; 66 (11) Seite 30-33