Olympiasieger Matthias Steiner hat seit der Diabetesdiagnose mit 18 Jahren eine Therapie mit Insulinpens durchgeführt. Nachdem er 2013 seine Karriere als Gewichtheber beendet hatte, stand seine Entscheidung schnell fest: Er wollte auf Insulinpumpentherapie umsteigen.

Im Frühjahr war es nun so weit – von den ersten Eindrücken und Erfahrungen berichten Matthias und Inge Steiner im Interview mit dem Diabetes-Journal.


Diabetes-Journal (DJ): Herr Steiner, bei Ihnen sind in den letzten Monaten zwei entscheidende Dinge passiert: die Neueinstellung auf die Insulinpumpe Accu-Chek Combo und Sie haben stark an Gewicht verloren. Was war denn für Sie das Schwierigere?

Matthias Steiner: Das erste Gewicht war leicht zu verlieren. Wenn man weniger trainiert, geht relativ leicht erst einmal viel Muskelmasse weg. 20 Kilo waren so schon relativ einfach; das war gut ohne Pumpe zu machen. Es würde auch ohne Pumpe weitergehen, aber sicher deutlich schwieriger. Mit der Insulinpumpe ist der Vorteil, dass ich Zwischenmahlzeiten und die Kohlenhydrate beim Sport weglassen kann. Diese Zwischenmahlzeiten haben mich wirklich gestört, aber es war schwierig mit dem Basalinsulin.

Jetzt kann ich hergehen und die Basalrate der Pumpe vorher reduzieren, wenn ich zum Beispiel hier in Heidelberg zum Königstuhl hochgehen möchte. Ich brauche dann nichts oder nur wenig zusätzlich zu essen. Das macht in der Summe etwas aus. Da ist die Pumpe ein Riesenvorteil.


DJ: Wie war das denn mit der Umstellung auf die Insulinpumpe?

Matthias Steiner: Eigentlich wollte ich die Pumpe schon ein bisschen früher tragen, aber das ging nicht so einfach. Die ganzen Rahmenbedingungen müssen stimmen – und man hat innerlich immer noch so eine kleine Hemmschwelle, weil es ein Gerät ist, das an einem hängt. Ich bin zwar kein ängstlicher Typ, aber mit dem Pen habe ich mich frei gefühlt. Aber aus jetziger Sicht kann ich sagen: Der Mehrwert, den man mit diesen Pumpen hat – flexibler beim Sport, flexibler beim Essen –, der ist so groß, dass das Gerät nicht stört. Das ist einfach eine Qualitätssteigerung.

Der Diabetes gehört dazu
Bei Familie Steiner gehört der Diabetes einfach dazu. Es passiert durchaus, dass der vierjährige Felix morgens seinem Vater das Messgerät bringt: "Papa, ich hab’ Hunger. Frühstück. Hier, miss deinen Zucker." Matthias Steiner: "Für uns ist Diabetes einfach integriert in die Familie und nichts Besonderes."

DJ: Wie lief denn die Neueinstellung ab?

Matthias Steiner: Ich war in der Klinik bei Dr. Frank in Neunkirchen für vier Tage. Eigentlich wollte er mich eine ganze Woche dort haben – aber er hat gesagt, dass es kürzer geht, wenn alles passt. Und es hat dann auch gepasst. Ich habe geschaut, dass ich gleich auch den Alltag simuliere, habe mich auf den Hometrainer gesetzt, auch mal ordentliche Wanderungen gemacht, bin viel rumgelaufen. Und so konnte ich gleich sehen: Sport? Okay, Zucker fällt. Wie stellt man die Pumpe dafür ein?

Dr. Frank kennt mich sehr gut und hat wirklich ein gutes Gefühl gehabt, gerade für die Nacht: Ich gehe mit einem Topwert ins Bett, und mit einem Topwert stehe ich auf – es ist gigantisch! Nur tagsüber musste ich zwei der Faktoren minimal verändern.

Für Sport schalte ich die Basalrate bisher für wenige Stunden um ein paar Prozentpunkte runter – je nachdem, was ich mache; ein eigenes Basalratenprofil für Sporttage benutze ich bisher nicht, weil ich zu unregelmäßig Sport treibe. Wenn ich die Himmelsleiter in Heidelberg hochgehe – vom Schloss bis zum Berg, 1 200 Stufen –, muss ich die Basalrate für die halbe Stunde, die ich brauche, auf 10 Prozent schalten. Fahre ich mit dem Fahrrad rüber zum Olympia-Stützpunkt und mache Krafttraining, reduziere ich um 30 bis 40 Prozent.

Bei manchen Übungen nehme ich die Pumpe ab, für 20 Minuten oder eine halbe Stunde, weil sie mich behindern würde, dann mache ich sie wieder dran. Das funktioniert ganz gut.


DJ: Wie viele Kilometer sind das bis zum Stützpunkt?

Matthias Steiner: Das sind 6 Kilometer und zurück auch noch 6, insgesamt also 12 – das ist eher zum Warmfahren, aber ich nutze das Fahrrad generell sehr viel.


DJ: Haben sich Ihre Insulinmengen im Vergleich zur Pentherapie geändert?

Matthias Steiner: Die Basalrate ist jetzt deutlich geringer, aber auch, weil ich ja noch abnehme.


DJ: Was war für Sie auf Anhieb positiv mit der Insulinpumpe?

Matthias Steiner: Das erste Positive war der erste Nachtzucker: zu Abend gegessen, vor den Fernseher gelegt und abends einen Wert von 95 mg/dl (5,3 mmol/l) – ich bin morgens aufgestanden und der Wert war 105 mg/dl (5,8 mmol/l). Ich war total baff!

Inge Steiner: Was seinen Schlaf betrifft: Der ist viel, viel ruhiger geworden durch die Pumpe.


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DJ: Sie beide haben dadurch Sicherheit gewonnen?

Inge Steiner: Ja, ich kann jetzt auch viel ruhiger schlafen. Vorher habe ich mich immer seinen "Warnhund" genannt, weil ich jede Nacht mehrfach wach war. Wenn ich weiß, dass bei ihm alles in Ordnung ist, kann auch ich gut schlafen. Es ist wirklich ein Gewinn – Lebensqualität für die ganze Familie.

Matthias Steiner: Auch bei einem späten Bankett ist es einfacher: Bei der Vorspeise gebe ich einen Bolus für das, was auf dem Teller ist. Eine Stunde später bei der Hauptspeise drückt man wieder nach, ganz unauffällig per Fernbedienung – das ist herrlich.


DJ: Welche Kanülen benutzen Sie?

Matthias Steiner: Ich hatte die Wahl, aber ich habe Stahl gar nicht probiert. Ich nehme Teflonkanülen, Accu-Chek FlexLink, mit 6 Millimeter Länge. Mit 8 Millimetern bin ich ziemlich schnell im Muskelgewebe, die zwei Millimeter spielen da schon eine Rolle.


DJ: Gibt es Dinge, die Sie jetzt wieder tun, die Sie sich vorher nicht mehr getraut haben zu tun?

Matthias Steiner: Ich habe mir auch vorher nichts nehmen lassen. Es waren halt früher manche Dinge komplizierter.


DJ: Wie gehen Ihre Söhne mit der Pumpentherapie bei Ihnen um?

Matthias Steiner: Dem Großen haben wir angekündigt, dass eine Pumpe kommt, und haben sie ihm erklärt, so dass man in einer wilden Spielsituation auch einmal sagen kann: "Vorsicht, die Pumpe!" In dem Moment hört er dann auch kurz auf.

Inge Steiner: Das versteht selbst der Einjährige.

Matthias Steiner: Ja, das gehört einfach zum Papa dazu. Und wenn Felix, der Vierjährige, will, darf er die Kanüle einschießen.


DJ: Es gibt Diabetiker, die sagen: Die Pumpentherapie ist eine Therapie für Privilegierte …

Matthias Steiner: Ich bin auch Kassenpatient, weil ich als Diabetiker keine Privatversicherung bekomme. Ich bin den ganz normalen Weg gegangen mit drei Monate Tagebuch führen nur für die Pumpe und allem anderen.


DJ: Was ist Ihnen noch wichtig in Bezug auf die Insulinpumpentherapie?

Matthias Steiner: Ich lege Wert darauf, dass man es wirklich selbst wollen muss.


DJ: Herzlichen Dank für diese Informationen und den Einblick in Ihr Leben mit Pumpe.


Video: Steiner über seine Insulinpumpentherapie.


das Interview führten Dr. Katrin Kraatz und Günter Nuber
Redakteurin bzw. Chefredakteur des Diabetes-Journals

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Erschienen in: Diabetes-Journal, 2014; 63 (7) Seite 50-52