Autorin Lena Schuster erzählt unterhaltsame und zuglich zutreffende Diabetes-Kurzgeschichten über die Protagonistin Nina und ihrem kleinen Begleiter Melli: Diesmal haben die beiden eine Kreuzfahrt gewonnen … und sind unsicher.

Melli und ich – der Hintergrund
Melli ist ein kleiner Junge, der mit Nina, einer erwachsenen Frau, zusammenlebt. Die beiden geraten im Alltag immer wieder in Konflikt: beim Essen, beim Sport etc. Lena Schuster: "Für mich ist der Diabetes vergleichbar mit dem kleinen Melli, den man oft zu gerne ignorieren möchte, doch das geht leider nicht.

Denn ignoriert man den Diabetes, ist er wie ein schreiendes Kind, das einen nicht zur Ruhe kommen lässt. Kümmert man sich jedoch um den Diabetes, so macht einen das stark – und man erkennt, dass man bereit ist, auch andere Probleme des Lebens zu bewältigen."

Gedankenverloren sitze ich in meinem gemütlichen Stuhl auf dem Balkon und blicke auf die vorbeifahrenden Autos. Doch ich realisiere sie kaum. In Gedanken gehe ich die letzten Tage durch. Da war kein Tag wie der andere. Montag ständig unterzuckert. Dienstag ständig überzuckert. Und heute? Ein ständiges Auf und Ab. Die ganze Zeit bin ich entweder am Spritzen oder am Essen. Was ist bloß los bei mir? Wieso bekomme ich den Diabetes nicht in den Griff? Und warum kann ich nicht einfach mal ein normales Leben haben wie alle anderen auch?

Mein Blick fällt auf drei Frauen, die freudestrahlend und lachend die Straße entlang­laufen – eine hübscher und ausgelassener als die andere. Na, die haben bestimmt nicht solche Probleme im Leben wie ich! Neid kommt in mir hoch und mischt sich mit Wut. Verärgert wende ich den Blick ab und stapfe ins Wohnzimmer. Das muss ich mir nicht antun! Als Melli in meine zornigen Augen blickt, bemerkt er: „Ach, komm schon, Nina. Auf jeden schlechten Tag folgt auch wieder ein guter. Das wird schon!“ Ich entgegne: „Hier wird gar nichts. Keine Lust mehr auf das Auf und Ab.“ Die Versuche von Melli, mich aufzuheitern, scheitern.

Um mich ein bisschen abzulenken, gehe ich zum Briefkasten und schaue, ob die Post schon da ist. Reklame, Reklame und nochmal Reklame. Na toll! Gerade als ich den Stapel Post in den Mülleimer werfen will, bemerke ich einen weißen Briefumschlag, der zwischen die Reklame gerutscht ist. Ich drehe den Briefumschlag um, kenne jedoch den Absender nicht. Bei meinem Glück ist das bestimmt eine Mahnung zu einer Rechnung, die ich vergessen habe zu zahlen. Genervt reiße ich den Brief auf. Die Überschrift springt mir direkt in die Augen: Sie haben eine Kreuzfahrt gewonnen! Das kann doch nicht wahr sein. Die müssen mich doch verwechseln! Oder etwa nicht?

Verwirrt laufe ich zu Melli und murmele: „Hier steht, dass ich eine Kreuzfahrt gewonnen habe.“ Melli strahlt: „Das ist doch super! Oh Mann, endlich hast du auch mal Glück und hast was gewonnen!“ Ich erwidere: „Ja, Moment mal. Ich glaub’, die verwechseln mich. Ich habe doch gar nicht an einem Preisausschreiben mitgemacht.“ Kaum habe ich es ausgesprochen, fällt es mir wieder ein. „Ach doch! Vor drei Wochen im Einkaufszentrum!“ So langsam realisiere ich das Ganze. Ich habe tatsächlich eine Kreuzfahrt gewonnen! Das ganze Auf und Ab der letzten Tage ist mit einem Schlag verflogen. Die Reise soll über Venedig und Korfu gehen. Da wollte ich doch schon immer mal hin!

Drei Wochen später sind Melli und ich auf dem Weg zum Flughafen. Die letzten Tage war ich überglücklich und konnte die Reise überhaupt nicht abwarten. Doch gerade kommen mir Zweifel. Habe ich alles für den Diabetes eingepackt? Insulin, Blutzuckerteststreifen, Ersatzgeräte und Kühltaschen? Ich werde nervös. Was ist, wenn was passiert? Schließlich sind wir auf einem Schiff und können nicht einfach das nächste Krankenhaus aufsuchen. Unsicherheit kommt auf. Kaum sind wir am Flughafen angekommen, stürmt Melli los und ich komme nur mit Mühe hinterher.

Kurze Zeit später befinden wir uns am vereinbarten Treffpunkt. Auf den ersten Blick sind die Mitreisenden nicht so mein Fall. Na, das kann ja was werden! Ich drehe mich zu Melli und sehe, dass er mit einem anderen kleinen Jungen spricht. Neben den beiden steht ein großer Mann, der nett aussieht. Ich schlendere zu ihnen und da spricht mich auch schon der sympathisch wirkende Mann an und sagt: „Hallo, ich bin Tom. Wie ich sehe, haben Sie auch einen kleinen Melli …“


Reisen mit Diabetes kann anstrengend sein, denn es muss bei der Vorbereitung vieles bedacht werden. Und als Diabetikerin in einem fremden Land zu sein, in dem eine andere Sprache gesprochen wird, kann beängstigend wirken. So kommen auch Nina auf dem Weg zum Flughafen Zweifel. Hat sie alles eingepackt? Was ist, wenn sie ärztliche Hilfe braucht? Doch das Schöne ist: Wir sind nicht die einzigen Dia­betiker. Es gibt so viele – mehr als wir denken. Und so lernt Nina direkt am Flughafen einen Mann kennen, der auch Diabetes hat. So wie es Menschen auf der ganzen Welt gibt, so gibt es auch Diabetes auf der ganzen Welt. Wir sind nicht allein!


von Lena Schuster
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Erschienen in: Diabetes-Journal, 2018; 67 (10) Seite 36-37