Nina und Melli ziehen um. Wehmut leitet den Neuanfang in der fremden Stadt ein. Und dann noch: eine Unterzuckerung! Doch hilfsbereite Menschen gibt es zum Glück nicht nur daheim.

Melli und ich – der Hintergrund
Melli ist ein kleiner Junge, der mit Nina, einer erwachsenen Frau, zusammenlebt. Die beiden geraten im Alltag immer wieder in Konflikt: beim Essen, beim Sport etc. Lena Schuster: "Für mich ist der Diabetes vergleichbar mit dem kleinen Melli, den man oft zu gerne ignorieren möchte, doch das geht leider nicht.

Denn ignoriert man den Diabetes, ist er wie ein schreiendes Kind, das einen nicht zur Ruhe kommen lässt. Kümmert man sich jedoch um den Diabetes, so macht einen das stark – und man erkennt, dass man bereit ist, auch andere Probleme des Lebens zu bewältigen."

Gedankenverloren stehe ich am Küchenfenster und betrete schließlich den Balkon. Unendlich viele Stunden habe ich hier zwischen all den Pflanzen verbracht und entspannt Musik gehört oder einfach ein Buch gelesen. Jetzt ist der Balkon leer. Die Pflanzen stehen schon im Flur bereit für den Umzug. So schweift mein Blick über die Rasenfläche im Hof.

Ein kleines Kind spielt gerade mit seiner Mama im Sandkasten. Freudestrahlend präsentiert es seine selbst gebaute Sandburg. „Wie wenig Sorgen ein Kind hat!“, murmele ich neidisch vor mich hin. „Nina, nicht träumen. Wir müssen weiter packen!“, reißt mich Melli aus meinen Gedanken. Traurig wende ich meinen Blick ab und grummele leise: „Ich weiß. Ich wollte nur noch mal die Aussicht genießen.“

Erst vor einer Woche unterschrieb ich meinen neuen Arbeitsvertrag, und daraufhin fasste ich den Entschluss, mit Melli umzuziehen, um nicht jeden Tag eine Stunde pendeln zu müssen.

Zuerst der neue Arbeitsvertrag, dann der Entschluss: Umzug!

Hinter uns liegt eine stressige Woche, geprägt von einer anstrengenden Wohnungssuche und vom Organisieren des Umzugs. Und dann überraschten mich meine Freunde gestern Abend noch mit einer Abschiedsparty: Es klingelte, und als ich die Tür aufmachte, standen alle meine Freunde mit Pizzakartons und Bier vor mir. So liebe Menschen habe ich hier kennengelernt. Wie wird es in der neuen Stadt sein? Werde ich schnell Anschluss finden? Ich merke, wie ich immer nervöser werde. Damit kann ich mich jetzt nicht beschäftigen!

Kurze Zeit später treffen Laura, Sarah, Jan und Dirk ein, um beim Umzug zu helfen. Kiste für Kiste tragen wir aus der Wohnung. Sichtlich erschöpft stehen wir schließlich vor dem Transporter und verstauen auch die letzte Umzugskiste. „Nina … du hast echt viele Sachen“, sagt Dirk lachend und setzt sich auf die Mauer. Da mischt sich Melli ein: „Das sage ich ihr auch immer, aber sie kann sich einfach von nichts trennen.“ Ich entgegne: „Quatsch, Ihr übertreibt.“ Allerdings muss ich schmunzeln, denn tief in meinem Inneren weiß ich, dass die beiden recht haben.

Als wir im Transporter sitzen und ausparken, blicke ich ein letztes Mal zur Wohnung. Fünf Jahre ging ich dort ein und aus, verbrachte schöne und schlechte Zeiten. Jedoch fühlte ich mich immer wohl. Eine Träne kullert mir über die Wange.

Die nächsten Stunden vergehen wie im Flug für mich. Kaum sind wir in der neuen Wohnung angekommen, räumen wir auch schon meine Möbel und Kisten aus. Es ist ein sehr heißer Tag, doch all das geht völlig an mir vorbei. Ich scheine erst aufzuwachen, als ich unten an der Haustür stehe und mich von meinen Freunden verabschiede. Nacheinander nehme ich jeden einzelnen in den Arm, drücke ihn ganz fest.

Sarah ergreift das Wort: „Nina wir werden dich vermissen.“ Laura ergänzt: „Aber du bist jederzeit herzlich willkommen. Melde dich, wenn du etwas brauchst oder einfach nur quatschen willst!“ Ich bin gerührt: „Ach, Ihr seid so lieb. Danke fürs Helfen, und klar werde ich euch besuchen kommen.“

Eine Welle der Traurigkeit überrollt mich

Als meine Freunde mit dem Transporter hinter der nächsten Straßenecke verschwinden, überrollt mich eine Welle der Traurigkeit. Ich fühle mich richtig allein hier in dieser fremden Stadt. So schlurfe ich langsam die Treppen hoch. Plötzlich wird mir schwindelig und übel. Benommen setze ich mich auf die Stufen. Was ist nur los mit mir? Und wo ist eigentlich Melli?

Ich realisiere, dass ich etwas zu essen brauche, sonst werde ich unterzuckern. Gestresst suche ich meine Hosentaschen ab, doch ich kann keinen Traubenzucker finden. Was mache ich hier bloß? Und es ist weit und breit keiner da, der mir helfen kann.

Genau in dem Moment kommt eine Frau die Treppe herunter, kniet sich zu mir und sagt besorgt: „Was ist denn mit Ihnen los? Geht es Ihnen nicht gut?“ Ich schaue sie an und antworte: „Ich bin Diabetikerin und gerade dabei zu unterzuckern. Haben Sie Saft dabei?“ Ein Lächeln huscht über das Gesicht der Frau. „Na klar! Meine Tochter ist auch Diabetikerin, deshalb habe ich immer etwas Süßes in der Handtasche.“


Ninas Begegnung im Hausflur auf der Treppe führt ihr vor Augen, dass, auch wenn wir uns manchmal allein fühlen, wir nicht allein sind. Hilfsbereite Menschen mit oder ohne Diabetes gibt es überall auf der Welt, und so wartet bestimmt ein weiterer hilfsbereiter Mensch hinter der nächsten Ecke!


von Lena Schuster
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Erschienen in: Diabetes-Journal, 2019; 68 (9) Seite 44-45