Über eine Erektionsstörung (erek­tile Dysfunktion) redet Mann nicht gern. Dabei sind so viele Männer betroffen! Warum ist es – besonders bei Diabetes – so wichtig, Schwierigkeiten mit der Erektion ernst zu nehmen? Das erklärt Dr. Schmeisl im Diabetes-Kurs.

Der Fall


Johannes F. hat seit einigen Wochen etwas Luftnot, verbunden mit einem Engegefühl in der Brust, wenn er nach 20 Stufen bei seiner Wohnung im zweiten Stock angelangt ist. Seit etwa einem Jahr leidet er außerdem darunter, dass er beim intimen Zusammensein mit seiner Frau keine ausreichende Erektion mehr bekommt. Er – 58 Jahre, Diabetes seit 15 Jahren – hat sich zwar informiert, seine Frau vermeidet es aber, mit ihm darüber zu sprechen. Beide meiden seit einigen Monaten körperliche Nähe.

Plötzlich hat Johannes stärkste Schmerzen in der Brust; auf halber Strecke in seine Wohnung muss er sich auf die Treppe setzen. Der von seinem Nachbarn gerufene Notarzt erkennt bereits durch ein EKG im Rettungswagen, dass Johannes einen Herzinfarkt erlitten hat.

Die Erektion des Penis ist ein „komplexes Phänomen“ – so steht es in einer Leitlinie der europäischen Urologengesellschaft (EAU). Eine Erektionsstörung (erektile Dysfunktion, ED) gehört zu den häufigsten Gesundheitsstörungen von Männern und kommt mit zunehmendem Alter immer häufiger vor.

Bei Männern ab dem 50. Lebensjahr steigt das Risiko, eine ED zu entwickeln. Männer über 70 sind zu 67 Prozent betroffen. Dia­be­tes, Bluthochdruck und Rauchen machen eine ED wahrscheinlicher. Mediziner sprechen von einer erektilen Dysfunktion, wenn es einem Mann über einen längeren Zeitraum nicht oder nur selten gelingt, eine Erektion des Penis zu erzielen oder beizubehalten, die für ein befriedigendes Sexualleben ausreicht.

Häufig ist eine ED der Vorbote für schwerwiegende Erkrankungen: Männer, die Potenzprobleme haben, erleiden in den folgenden fünf Jahren doppelt so häufig einen Herzinfarkt oder Schlaganfall wie gleichaltrige Männer ohne erektile Dysfunktion.

Wie äußern sich Sexualstörungen beim Mann?


  • Libidostörungen (z. B. Unlust)
  • Erregungsstörungen (Erektionsstörungen; ED: erektile Dysfunktion)
  • Ejakulationsstörungen
  • Orgasmusstörungen

Studien der letzten Jahre (ONTARGET, ­TRANSCEND) zeigten, dass das Sterberisiko bei Männern mit erektiler Dysfunktion etwa doppelt so hoch war wie bei Männern ohne erek­tile Dysfunktion. Ebenso hoch war das Risiko, an einem Gefäßschaden zu sterben, speziell an einem Herzinfarkt. Je ausgeprägter die Erektionsstörung war, desto höher war das Risiko.

Das Risiko für eine Erkrankung an den Herzkranzgefäßen bei Diabetikern wird, wie die Studien zeigen, leider oft unterschätzt. Deshalb ist es so wichtig, dass Ärzte – aber auch die Betroffenen selbst! – dem Auftreten von Erektionsstörungen bei Männern (und auch dem Libidoverlust bei Frauen!) mehr Beachtung schenken.

Eine Erektionsstörung ist eine Erkrankung, die Jahre und Jahrzehnte vor einem Herzinfarkt auf das Risiko dafür hinweist! Mediziner sollten also gezielt Männer mit ­Diabetes fragen, ob eine Erektionsstörung vorliegt – und zwar möglichst so, dass der Patient nicht bloßgestellt wird. Denn immer noch ist dieses Thema für viele Menschen tabu.

Gibt es Hinweise auf eine erektile Dysfunktion, könnte der Arzt/die Ärztin auch gezielt nach Symptomen fragen, die eine Herzerkrankung vermuten lassen, z. B.:
  • Luftnot beim Treppensteigen,
  • Enge in der Brust,
  • ausstrahlende Schmerzen in den linken oder auch rechten Arm,
  • Brennen in der Brust („Sodbrennen“),
  • Unterkieferschmerzen.

Sind diese Symptome vorhanden, kann beim Herzspezialisten – dem Kardiologen – eine weiterführende Diagnostik (z. B. Herz-Ultraschall) durchgeführt werden.

Wann kann eine Herzerkrankung als Ursache ausgeschlossen werden?

Dass beim Mann keine Erektion zustande kommt, kann nicht nur Ursache einer Erregungsstörung sein, die meist durch Nervenschäden bedingt ist – auch eine Luststörung kommt als Grund in Frage: Durch die fehlende Lust auf Sex (Libidoverlust) kommt es nicht mehr zu einer ausreichenden Erektion.

Die Unfähigkeit eines Mannes, eine ausreichende Erektion zu erlangen oder aufrechtzuerhalten, um einen für beide Partner befriedigenden Geschlechtsverkehr zu erreichen, ist die häufigste Sexualstörung bei Männern mit Diabetes. Andere Funktionsstörungen wie Orgasmus- und Ejakulationsstörungen spielen eine untergeordnete Rolle. Ob sie tatsächlich in geringerem Maße auftreten, ist dagegen nicht bekannt.

Ejakulationsstörungen können auch in Form eines ständigen Samenflusses, eines vorzeitigen Samenergusses, eines verzögerten Samenergusses und in Form einer retrograden Ejakulation (Rückfluss der Samenflüssigkeit in die Blase) auftreten. Eine spezielle Diagnostik sollte stets in Zusammenarbeit mit einem Facharzt für Urologie, ggf. mit einem Psychologen und natürlich auch mit einem Diabetologen oder weiteren Spezialisten (z. B. Angiologen) durchgeführt werden.

Wie steht es mit Sex nach einem Infarkt?

Hat ein Diabetiker mit erektiler Dysfunktion bereits einen Herzinfarkt hinter sich, sollte er ebenfalls kardiologisch mitbetreut werden. Sex schadet in der Regel dem Herzen nicht – nur bei etwa 2 Prozent der Infarktpatienten war Sex der Anlass dafür. Die körperliche Belastung beim Sex entspricht etwa der Leistung von 75 bis 100 Watt auf dem Fahrradergometer (oder der Leistung des Steigens von etwa 20 Treppenstufen in etwa 10 Sekunden – der Puls geht meist nicht höher als 120 Schläge pro Minute!).

Wenn Sie also noch ohne Probleme Treppensteigen können, besteht auch beim Sex mit dem festen Partner kein erhöhtes Risiko. Aber Vorsicht: Beim Fremdgehen steigt das Risiko für einen Herzinfarkt deutlich an!

Was bringen „Potenzmittel“ wie Viagra?

Potenzmittel wie Viagra, Cialis oder Levitra sind Phosphodiesterase-5-Hemmer (PDE-5-Hemmer). Sie führen zu einer Weitstellung der Blutgefäße der glatten Muskulatur am Penis. Diese Weitstellung der Blutgefäße kann auch an inneren Organen wie den Herzkranzgefäßen erfolgen, wodurch der Blutdruck absinkt. Dies ist einer der Gründe, warum Medikamente, die bei einer Herzerkrankung oft eingenommen werden und die Gefäße weit stellen, nicht gemeinsam mit PDE-5-Hemmern eingenommen werden dürfen (Gefahr des Kreislaufkollapses).

Das sollten Sie jedoch immer mit Ihrem Arzt besprechen!

Medikamentengabe bei Sexualstörungen

Wirkstoff (Handelsname) Einnahme vor dem Geschlechtsverkehr Wirkdauer Einnahme mit Mahlzeiten
Sildenafil (Viagra) 1 Stunde zuvor 4 – 5 Stunden verzögerter Wirkeintritt möglich
Vardenafil (Levitra) 25 – 60 Minuten zuvor 4 – 5 Stunden bei sehr fettreicher Nahrung verzögerter Wirkeintritt möglich
Avanafil (Spedra) ca. 15 – 30 Minuten zuvor keine Angabe verzögerter Wirkeintritt möglich
Tadalafil (Cialis) 20 mg mindestens 30 Minuten zuvor bis zu 36 Stunden unabhängig von der Nahrungsaufnahme
Tadalafil (Cialis) 20 mg nicht notwendig, wird 1 x täglich genommen gleichmäßiger Wirkspiegel unabhängig von der Nahrungsaufnahme
Quelle: Fachinformationen der einzelnen Hersteller, Oktober 2019

Wichtig zu wissen

Erektionsstörungen sind bei Männern insbesondere mit zunehmendem Alter eine häufige Erkrankung. Solche Störungen können nicht selten erste Anzeichen einer koronaren Herz­krankheit (KHK; Durchblutungsstörungen der Herzkranzgefäße) sein. Deshalb sollte jeder Arzt Männer bei entsprechenden Beschwerden gezielt nach Erektionsstörungen fragen. ­Besteht z. B. gleichzeitig eine peri­phere arterielle Verschlusskrankheit (Schaufenster­krankheit, pAVK), steigt die Wahrscheinlichkeit für eine KHK nochmals deutlich an.

Eine Erektionsstörung rechtzeitig zu erkennen, kann für das weitere Leben des Betroffenen und auch für seine Ehe/Partnerschaft ausschlaggebend sein. Sprechen Sie deshalb rechtzeitig mit Ihrem Arzt. Die erektile Dysfunktion sollte heute kein Tabuthema mehr sein!


von Dr. Gerhard-W. Schmeisl
Internist/Angiologie/Diabetologie/ Sozialmedizin,
Lehrbeauftragter der Universität Würzburg,
Chefarzt Deegenbergklinik,
Burgstraße 21, 97688 Bad Kissingen,
Tel.: 09 71/8 21-0, E-Mail: schmeisl@deegenberg.de


Erschienen in: Diabetes-Journal, 2019; 68 (12) Seite 32-34