Sollte man sich nicht viel öfter auch einmal selbst loben, wenn man es verdient hat? Vor allem in Sachen gelungenem Diabetesmanagement? Tine findet, dass dies in unserer Leistungsgesellschaft viel zu selten vorkommt. Doch ist das das Leben, das wir leben wollen?

Wir sind offiziell wieder in der Sommerzeit angekommen! Ach, was freue ich mich schon auf das Erwachen der Natur. Ein großartiges Gefühl, mehr Vitamin D für alle! Ich kann zum ersten Mal seit Jahren recht befreit in den Frühling gehen, denn ich habe meinen lange erarbeiteten Studienabschluss geschafft. Jetzt folgt ein bisschen Freiheit, Durchatmen, Auf-die-Schulter-Klopfen … eigentlich, oder? Gönne ich mir das wirklich?

Es fällt mir schwer, stolz auf meine Leistungen zu sein

Ich muss mir eingestehen: nein. Es fällt mir schwer, stolz auf meine Leistungen zu sein, obwohl ich wirklich mit herausragenden Noten und sogar einem Preis aus der Sache herausgegangen bin. Wenn ich weiter drüber nachdenke, dann fällt es mir auch in anderen Bereichen meines Lebens schwer.

Warum ist dieser Kritiker in meinem Kopf so groß und omnipräsent? Warum gönnt er mir kein Durchatmen und kein Lob? Der Spruch "Eigenlob stinkt" ist doch, wenn wir mal ehrlich drüber nachdenken, kaputt. Wieso ist es uns nicht gegönnt, gute eigene Arbeit auch einfach mal selbst zu loben? Wieso müssen wir, was Lob angeht, immer auf andere Menschen angewiesen sein? Und wieso dürfen ausgerechnet wir selbst eigentlich nicht unser größter Cheerleader sein?

Auch in Sachen Diabetes lobe ich mich eher selten

Auch beim Diabetes klopfe ich mir wieder seltener auf die Schulter. Zwar versuche ich, mir immer bewusst zu machen, was für eine immense Arbeit ich da eigentlich jeden Tag leiste, aber Lob von mir an mich gibt es momentan doch selten. Leider. Der Alltag geht weiter, muss ja. Stichwort Leistungsgesellschaft. Lob für die Werte bekommen wir vielleicht einmal im Quartal dann vom Arzt (wenn überhaupt), aber wenn diese aktuell nicht so gut sind, passiert da eben auch nicht so viel.

Anstatt uns jeden Morgen im Spiegel zu sagen, was für großartige Zusatzarbeit wir tagein, tagaus leisten, um uns selbst am Leben zu halten, spritzen wir Wutboli, hassen unsere Krankheit oder ärgern uns den ganzen Tag, weil der Wert mal wieder nicht in den Zielbereich kommen möchte. Oder vergleichen unsere Kurven mit den geraden Linien, die wir mittlerweile überall auf Social Media sehen können, lassen uns davon wahnsinnig unter Druck setzen und bestrafen uns am Ende vielleicht noch dafür. Ist das das Leben, das wir leben wollen?

Ich möchte mich nicht immer nur mit anderen vergleichen

Ich für meinen Teil möchte nicht die Zeit meines Lebens damit verbringen, nie stolz auf mich zu sein, mich nie zu loben und mich immer nur mit anderen zu vergleichen. Niemand ist genau so wie ich, wieso sollte ich mich dann an all diesen anderen Menschen messen? Wieso stinkt mein Eigenlob, wenn es doch eigentlich toll ist, sich selbst der motivierendste Cheerleader zu sein? Daran möchte ich nun arbeiten, und ich freue mich schon darauf, was passiert, wenn ich dort angekommen bin.

Eure Tine


Martina „Tine“ Trommer lebt seit Jahren in der Hauptstadt, bloggt seit ihrer Diabetesdiagnose 2013 unter www.icaneateverything.com sowie auf der Blood Sugar Lounge und schreibt regelmäßig an dieser Stelle über ihr Leben mit Diabetes in Berlin.

Erschienen in: Diabetes-Journal, 2018; 67 (5) Seite 36