Gibt es „gute“ und „schlechte“ Blutzuckerwerte? Mit dieser Frage befasst sich Tine Trommer schon lange. In ihrer Kolumne legt sie dar, wieso man entspannter sein könnte, wenn man die Werte einfach nicht bewertet, sondern sie als Teil des Diabetes sieht und daran kontinuierlich arbeitet.

Lese ich von Menschen, die sich mit Gesundheitsthemen befassen und etwas zum Thema Diabetes sagen sollen, fällt mir meist ein Satz sehr schnell auf: "Ich habe Menschen mit Diabetes in meinem Bekannten- und Familienkreis, aber die sind alle sehr gut eingestellt!" ALLE SEHR GUT EINGESTELLT. Immer wieder. Keine Sorge, alle sind "sehr gut eingestellt". Da flutscht es. Fast schon, als müsse sich jene Person rechtfertigen und dürfe ansonsten nichts zum Thema Diabetes sagen.

Aber was bedeutet es im Klartext, wenn wir sagen, dass wir oder andere Menschen mit Diabetes "sehr gut eingestellt" sind? Warum ist dies das Ziel der Diabetestherapie – und was bedeutet es? Sind wir weniger wert, wenn wir nicht "sehr gut eingestellt" sind oder es mal nicht so läuft?

Theorie und Praxis gehen oft auseinander

Mal ganz pauschal gesagt: Gut eingestellt ist man wohl, wenn man möglichst wenige hohe oder niedrige Blutzuckerwerte hat, möglichst wenige Schwankungen in den Werten. Wenn die Faktoren passen und die Basalrate stimmt. Das ist ein Ziel der Diabetestherapie, erfordert aber sehr viel Disziplin und Denkarbeit im Kopf – ein Teil des Lebens mit Diabetes. Dass dies im Alltag allerdings so nicht immer möglich ist, gerade wenn man einen Zyklus hat oder einen sehr abwechslungsreichen Alltag, vergessen wir oft.

Und wenn dann täglich Hypo- oder Hyperglykämien grüßen, demotiviert das schneller, als wir "Traubenzucker" sagen können. Ich halte meine Diabetestherapie im Grunde für gut funktionierend: Meine Basalrate passt, meine Faktoren stimmen. In der Theorie läuft alles. Eigentlich! Theorie und Praxis gehen aber oft auseinander.

Bei den einen flutscht es, andere müssen sich abmühen

Es gibt Tage, an denen bin ich viel zu Fuß unterwegs, arbeite und denke viel. An anderen Tagen sitze ich zu Hause und arbeite dort, an wieder anderen kommen meine Hormone dazu, je nach Zykluszeitpunkt verändert sich meine Insulinempfindlichkeit. Im Stress vergesse ich, zu essen, genügend zu trinken, auf Bewegung zu achten – und das Chaos ist da. Bin ich deswegen eine schlechte Diabetikerin?

Mit den Begriffen "gut" und "schlecht" befasse ich mich in Bezug auf den Diabetes schon lange und beobachte hierzu mein Verhalten und auch das meiner Freunde und Bekannten mit Diabetes. Hierbei zeigt sich, dass wir entspannter sein können, wenn wir und unsere Ärzte die Werte einfach nicht bewerten, sondern als Teil der Krankheit sehen und daran kontinuierlich arbeiten.

Es gibt auch Diabetiker, bei denen stört nichts. Die haben Glück, da flutscht es mit den Werten. Andere wiederum müssen viel daran arbeiten – und dafür ist leider nicht immer Zeit oder Energie da. Lasst uns von solchen Begrifflichkeiten endlich Abstand nehmen und weniger die Werte bewerten!

Eure Tine


Martina „Tine“ Trommer lebt seit Jahren in der Hauptstadt, bloggt seit ihrer Diabetesdiagnose 2013 unter www.icaneateverything.com sowie auf der Blood Sugar Lounge und schreibt regelmäßig an dieser Stelle über ihr Leben mit Diabetes in Berlin.

Erschienen in: Diabetes-Journal, 2018; 67 (7) Seite 37