Diabetes wird auch als Datenmanagement-Erkrankung bezeichnet: Bei kaum einer anderen Krankheit fallen so viele Daten an, die Patienten und Behandler gemeinsam interpretieren müssen. Die Datenflut kann sogar dazu führen, dass die Therapie ins Stocken gerät. Neue Ansätze und Tools sollen hier Abhilfe schaffen.

In der Diabetesversorgung sind in den letzten Jahren viele neue und innovative Therapieoptionen hinzugekommen, sowohl im Bereich der Medikamente als auch in dem der technischen Hilfsmittel. Demnach müsste es eigentlich auch zu einer stetigen Verbesserung der Therapieergebnisse gekommen sein – dies sei jedoch nicht der Fall, sagte Prof. Dr. Bernhard Kulzer (Bad Mergentheim) auf einer Presseveranstaltung des Unternehmens Roche ­Diabetes Care im Rahmen des ­Diabetes Kongresses 2019 Ende Mai in Berlin.

Er bezog sich dabei auf mehrere Studien mit Daten aus den USA und Deutschland, deren Ergebnisse zeigen, dass sich der durchschnittliche HbA1c-Wert in den letzten rund 15 Jahren so gut wie nicht verändert hat. Auch bei anderen Therapieparametern wie den Blutdruck- und den Lipidwerten werden die Ziele flächendeckend nicht erreicht.

Therapieprozesse besser strukturieren

Zwar bewiesen die neuen Medikamente und Technologien in klinischen Untersuchungen durchaus ihr Potenzial, so Kulzer, doch im hektischen Praxisalltag kann vieles davon nicht so wie in Studien unter kontrollierten Bedingungen umgesetzt werden. „Der Behandlungsprozess muss besser strukturiert werden“, schlussfolgerte Kulzer, und „inte­grier­tes personalisiertes Diabetes-Management (iPDM) bietet einen Rahmen, der gut geeignet ist, um die Versorgungssituation zu verbessern“.

Beim iPDM werden individuelle bedarfsorientierte Schulungen, digitale Lösungen und Feedback-Gespräche mit den Behandlern eingesetzt, um datenbasiert effizientere und personalisierte Therapieentscheidungen zu treffen. Dadurch sollen die individuellen Therapieziele besser erreicht werden. Im PDM-ProValue-Studienprogramm konnte bereits nachgewiesen werden, dass dadurch der HbA1c-Wert – teils nach Jahren der Stagnation – signifikant gesenkt werden kann.

Digitale Plattform bündelt die Datenflut

Zusätzlich zum iPDM steht für Ärzte nun auch die Software PDM one zur Verfügung, die auf dem Kongress erstmals vorgestellt wurde. Die interoperable Plattform bündelt Informationen aus verschiedenen Quellen (z. B. Software Accu-Chek Smart Pix, Labordaten, Arztbriefe, Überweisungen, Praxisverwaltungssysteme) und überprüft diese auf Vollständigkeit und Plausibilität, so dass eine einheitliche, valide Datengrundlage entsteht. Daraufhin wird automatisch analysiert, ob wichtige Behandlungsschritte eingehalten und die Patienten leitliniengerecht therapiert werden.

„Ansätze wie iPDM und neue Tools wie die PDM-one-Plattform strukturieren die Behandlungsabläufe und bringen alle relevanten Daten zusammen“, zeigte sich Kulzer überzeugt. „Intelligente Algorithmen helfen dabei, die Therapie besser zu gestalten und nötige Anpassungen noch schneller umzusetzen. So erreichen Ärzte und Patienten gemeinsam ihre Therapieziele.“

Erfolgreiches Pilotprojekt in Baden-Württemberg

PDM one wurde bereits in einem Pilotprojekt in Baden-Württemberg in 9 Schwerpunktpraxen mit je 20 insulinspritzenden Patienten mit Typ-2-Diabetes erfolgreich getestet: Der duchschnittliche HbA1c-Wert der Probanden konnte dabei im Schnitt um 1,7 Prozentpunkte gesenkt werden. Für den Diabetologe Dr. Stefan Gölz (Esslingen), der mit seiner Praxis am Pilotprojekt teilgenommen hatte, „ist die PDM-one-Plattform ein notwendiger Schritt in die richtige Richtung.“

„Wir haben eine große Datenflut, eine zeitfressende Praxisroutine. Und mit den bisher zur Verfügung stehenden Praxissoftwaresystemen, bei denen viel händisch ein- und nachgetragen werden muss, ist das schon eine große Herausforderung. PDM one bündelt alle relevanten Daten und macht sichtbar, was bei der Betrachtung losgelöster Daten aus verschiedenen Quellen im Verborgenen geblieben wäre“, so Gölz.


von Gregor Hess
Redaktion Diabetes-Journal, Kirchheim-Verlag,
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Erschienen in: Diabetes-Journal, 2019; 68 (7) Seite 10-11