Innerhalb kurzer Zeit haben kinderdiabetologische Teams in Deutschland die Betreuung auf Telefontermine und Videokonferenzen umgestellt. Wird diese Art der Betreuung auch nach der Corona-Krise fortbestehen? Und was müsste sich ändern, damit alles noch besser funktioniert?

Die Corona-Pandemie wird auch die Kinderdiabetologie nicht unverändert lassen. So bieten sich neue Chancen durch den Einsatz der Telemedizin. Gleichzeitig bleibt die Notwendigkeit, immer wieder auf wichtige Unterschiede zwischen Kindern und Erwachsenen mit Diabetes hinzuweisen.

Kinder mit Typ-1-Diabetes sind keine Risikopersonen

Viele Familien mit Kindern mit Diabetes haben sicher einen großen Schreck bekommen, als in den offiziellen Verlautbarungen bekannt wurde, dass Menschen mit Diabetes möglicherweise ein höheres Risiko für die COVID-19-Sterblichkeit haben. Obwohl deshalb einige Bundesländer wie Thüringen beschlossen haben, Kinder mit Diabetes zunächst pauschal vom Präsenzunterricht auszuschließen, werden richtigerweise die meisten Kinder und Jugendlichen wie ihre Mitschüler behandelt – denn Kinder mit Typ-1-Diabetes sind keine Risikopersonen.

Inzwischen haben Analysen aus China, Italien und den USA gezeigt, dass aus den Daten keine bedenklichen Zusammenhänge zwischen COVID-19 und Kindern mit Diabetes abgeleitet werden können. Deshalb bemühen sich sowohl die Arbeitsgemeinschaft Pädiatrische Diabetologie (AGPD) wie auch die internationale Kinderdiabetes-Gesellschaft ISPAD, die Entscheidungsträger darüber zu informieren, dass die Erkenntnisse zum Infektionsverlauf bei Kindern und Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes nahelegen, dass sie nicht gefährdeter sind als ihre Altersgenossen und daher ganz normal am Alltagsleben teilhaben können.

Diabetes-Teams setzen sich seit Jahren dafür ein, dass Kinder mit Typ-1-Diabetes so wenig wie möglich eine Sonderrolle in der schulischen Betreuung und den Freizeitaktivitäten einnehmen. Insofern ist es sowohl aus organisatorischer und psychosozialer Sicht bedenklich, diese Kinder ohne objektive medizinische Gründe und nur aufgrund ihres Diabetes vom Unterricht fernzuhalten.

Kinderdiabetologie als Vorreiter

Historisch gesehen ist der Bereich der pädiatrischen Diabetologie der Erwachsenenmedizin voraus. Der erste Patient mit Typ-1-Diabetes, der vor fast 100 Jahren den Pankreasextrakt von Banting und Best, den sie Insulin nannten, erhielt, war ein 14-jähriger Junge. Auch bei der Umsetzung neuer technologischer Ansätze oder altersgerechter Schulung waren Kinder mit Diabetes vorne dabei.

Die erste Kinder-Insulinpumpenstudie wurde 1979 veröffentlicht, nur kurz nachdem das Prinzip in der Erwachsenenmedizin eingeführt worden war. Die ersten multizentrischen Studien zur künstlichen Bauchspeicheldrüse außerhalb des Krankenhauses wurden in Kinder-Diabetes-Camps durchgeführt. In den letzten Jahren nahm die Verwendung von Insulinpumpen bei Erwachsenen nur geringfügig zu, wurde aber zur Standardversorgung für Kleinkinder mit Diabetes in Deutschland.

Diabetes-Technologie als Chance in der Krise

Angesichts der COVID-19-Pandemie hat die Gesundheitsversorgung einen plötzlichen Übergang zur Fernbetreuung vollzogen. In den letzten Wochen versammelten sich die Familien am Telefon oder bei der Videokonferenz zum Termin mit dem Diabetes-Team, nachdem sie ihre Pumpen-/Pen- und Glukosedaten hochgeladen haben.

Sowohl bei den Familien wie auch in den Diabetes-Teams hilft die jüngere Generation den Älteren oft mit Passwörtern, Internetverbindungen und Software-Versionen, um die Kommunikation über die Cloud zu ermöglichen, während die Familien nicht in der Lage sind, in die Klinik zu kommen.

Wie in vielen anderen Bereichen der Gesundheitsversorgung könnte die COVID-Krise die Gelegenheit bieten, die Möglichkeiten der Diabetestechnologie im Sinne der Telemedizin dauerhaft in die Praxis umzusetzen. In Zukunft könnte eine virtuelle Diabetes-Klinik die übliche ambulante Versorgung vielerorts ergänzen.

Telemedizin plötzlich weit verbreitet

Vor der Pandemie COVID-19 ging man davon aus, dass sich telemedizinische Ansätze in Europa nur dann durchsetzen werden, wenn es gelingt, in Langzeitstudien zu zeigen, dass der Einsatz von Telemedizin zu erheblichen Zeit- und Kosteneinsparungen führt. Laut dem COVID-19-Forum auf der ISPAD-Website erfolgte die Etablierung dieser Ansätze nun jedoch innerhalb weniger Tage in pädiatrischen Diabeteszentren rund um den Globus.

Angesichts der COVID-19-Krise wurden die Regeln für den Zugang zur Telemedizin gelockert, Familien und Krankenhäuser haben weniger Bedenken hinsichtlich der Datensicherheit, und die Vergütung von Leistungen erscheint weniger wichtig. Sobald die technischen Fragen geklärt sind, erfreut die Flexibilität und Aktualität des telemedizinischen Ansatzes sowohl die Diabetes-Teams als auch die Familien und wirft die Frage auf, wer wirklich von der gestiegenen Komplexität des neuen europäischen Datenschutzes profitiert.

Bleibt die Telemedizin nach Corona?

Da es wahrscheinlich ist, dass weder Patienten noch Diabetes-Teams zu exklusiven Ambulanzbesuchen zurückkehren werden, wenn die COVID-19-Situation vorbei ist, müssen mehrere Fragen geklärt werden. Eine wichtige Voraussetzung für die Entwicklung einer virtuellen Diabetesklinik ist ein einfacher Datenaustausch zwischen Menschen mit Diabetes und ihren Behandlern.

Insbesondere muss hier der zunehmenden Tendenz der Industrie gesundheitspolitisch entgegengetreten werden, dass die Geräte nur über die firmeneigene Software ausgelesen und ausgewertet können. Beschränkungen seitens der Geräteindustrie, Daten über gemeinsame Plattformen anzuzeigen oder auszutauschen, müssen abgeschafft werden. Letztendlich muss natürlich auch eine angemessene Vergütung kinderdiabetologischer Leistungen in der Telemedizin entwickelt werden.

Nimmt die Technologie auch in der Erwachsenendiabetologie zu?

Hoffentlich motivieren die Erfahrungen in der Krise auch die erwachsenenmedizinischen Teams, den Einsatz von Diabetestechnologie dauerhaft zu intensivieren. Für eine reibungslose Transition in die Erwachsenenmedizin muss die digitale Kluft zwischen der Diabetesversorgung für Kinder und für Erwachsene angegangen werden.

Eine Möglichkeit wäre die Schaffung von regionalen Behandlungszentren mit gemeinsamer pädiatrischer und erwachsenenmedizinischer Betreuung für Menschen mit intensiver Diabetestherapie. Die Erfahrungen während der COVID-19-Krise werden wahrscheinlich die Zahl der Patienten aller Altersgruppen erhöhen, die gelegentlich bereit sind, größere Entfernungen zu einem multidisziplinären, in der Diabetes-Technologie erfahrenen Team zu reisen, wenn diese persönlichen Besuche durch regelmäßige effektive telemedizinische Beratung ergänzt wird.

Für die Zukunft nach der COVID-19-Krise könnte die Telemedizin in der virtuellen Diabetes-Klinik die Lösung und nicht mehr das Problem sein.


von Prof. Dr. med. Thomas Danne
Chefarzt Kinderkrankenhaus auf der Bult,
Janusz-Korczak-Allee 12, 30173 Hannover,
E-Mail: danne@hka.de

Erschienen in: Diabetes-Eltern-Journal, 2020; 12 (2) Seite 6-7