Im Internet floriert ein illegaler Schwarzmarkt mit Blutzuckerteststreifen, den Prof. Dr. Heiko Burchert von der Fachhochschule Bielefeld seit Jahren beobachtet und analysiert. Der Experte mahnt, dass dringend eine Lösung für dieses weitreichende und tiefgreifende Problem gefunden werden muss.

Weitere Hintergründe im Diabetes-Journal: Teststreifen-Schwarzmarkt ist kein neues Thema


Bereits im Mai 2015 hat Prof. Dr. Heiko Burchert im Diabetes-Journal eine Analyse zu Studienergebnisse über den Online-Schwarzmarkt für Blutzuckerteststreifen veröffentlicht.

In einem zweiteiligen Beitrag legte er detailliert dar, wer die Verkäufer- und die Käufergruppen sind, woher die illegal gehandelten Medizinprodukte stammen und welche Folgen dieser Schwarzmarkt haben kann – sowohl für einzelne Betroffene als auch für die Solidargemeinschaft.

Blutzuckerteststreifen sind ein wichtiges Instrument für insulinpflichtige Menschen mit Diabetes, um im Rahmen des Therapie-Selbstmanagements permanent den Blutzuckerwert zu kontrollieren. Eine anschließende, dem Wert entsprechend dosierte Insulingabe wirkt so den ansonsten drohenden Folgen eines schlecht eingestellten Diabetes mellitus entgegen. Die gesetzlichen Krankenversicherungen unterstützen dies, indem sie die Teststreifen ihren Mitgliedern zuzahlungsbefreit abgeben.

18.000 Euro pro Jahr für "Spitzenverdiener" unter den Verkäufern

In Online-Handelsportalen werden von privaten Verkäufern Blutzuckerteststreifen zum Kauf angeboten. Ein durchschnittlich realisierter Verkaufspreis in Höhe von rund 18,50 Euro für eine Packung mit 50 Teststreifen ließe den Verdacht aufkommen, so Prof. Dr. Heiko Burchert von der Fachhochschule Bielefeld, dass diese Teststreifen nicht zuvor selbst käuflich erworben wurden und nun weiterverkauft werden. Es stelle sich also die Frage nach der Herkunft der Teststreifen.

Als eine Quelle kämen Menschen mit Diabetes in Frage, die die für ihr Therapie-Selbstmanagement erhaltenen Teststreifen weiterverkaufen, statt sie zu nutzen. Burchert, Experte für Betriebswirtschaftliche und rechtliche Grundlagen des Gesundheitswesens, hat das Verkäuferverhalten im Internet seit längerer Zeit akribisch verfolgt. Sein Fazit: "Unsere Untersuchungen belegen deutlich, dass die Versicherten, also die Menschen mit Diabetes selbst, oftmals auch die Verkäufer sind."

Weitere Verkäufergruppen finden sich "nahe am Diabetiker" unter den Mitarbeitern von Pflegediensten und -heimen oder in diabetologischen Schwerpunktpraxen. Ihnen gemein ist das Interesse an einem Nebeneinkommen. Während ein Diabetiker mit dem Verkauf seiner Teststreifen im Jahr zwischen 200 und 300 Euro verdient, liegt der Spitzenverdiener bei 18.000 Euro pro Jahr.

Insbesondere nicht-insulinpflichtige Privatpatienten sind die Käufer

Auch die Käufer dieser Teststreifen lassen sich benennen. Neben den nicht insulinpflichtigen Typ-2-Diabetikern, welche über ihre gesetzlichen Krankenversicherungen keine Teststreifen bereitgestellt bekommen, sondern sie selber kaufen müssen, sind das insbesondere Privatpatienten. Burchert: "Privatversicherte Diabetiker haben zumeist einen Tarif gewählt, in welchem die Arzneimittelkosten ausgespart sind. Die günstigen Online-Angebote geben ihnen Recht."

Nach mehrjährigen Analysen liegen Daten über die Dimensionen dieses Schwarzmarktes und seiner Entwicklung vor und wurden bereits schrittweise veröffentlicht. Antworten auf sich daraus ergebende Fragen sollten dringend gefunden werden, fordert Professor Burchert und ergänzt: "Denn wenn davon ausgegangen werden kann, dass aktuell knapp 13.000 private Verkäufer, Stand August 2017, jährlich rund 27,7 Millionen Teststreifen in Deutschland verkaufen, dann lässt sich darin auch ein ernster finanzieller Schaden für die gesetzlichen Krankenversicherungen in Höhe von rund 15 Millionen Euro pro Jahr erkennen."

Und diese haben ein Eigeninteresse daran, den unkontrollierten Online-Handel mit Blutzuckerteststreifen zu unterbinden. Nicht zuletzt tragen sie auf diesem Weg zur Subventionierung der Privatpatienten bei.

In Gesprächen mit Vertretern des GKV-Spitzenverbandes wird gemeinsam nach Lösungen gesucht, um diesem Schwarzmarkt Herr zu werden. Auch der Einsatz telemedizinischer Systeme bei der Betreuung insulinpflichtiger Diabetiker kann hierzu beitragen.


Quelle: Pressemitteilung der Fachhochschule Bielefeld | Redaktion