Bilge Özyurts großer Traum seit Jahren: den Kilimandscharo besteigen. Kein leichtes Unterfangen, aber der Traum hat sich erfüllt – und das ist großartig! Wie Bilges afrikanisches Abenteuer verlaufen ist, erzählt sie selbst.

Schon 2016 habe ich davon geträumt, den Kilimandscharo zu besteigen, das mit fast 6.000 Metern höchste Bergmassiv Afrikas. Der Gedanke daran holte mich immer wieder ein – oft sogar in meinen Träumen. Und ich wusste: Wenn ich es nicht versuche, würde mich der Gedanke daran weiter verfolgen – und zwar mit dem bitteren Nachgeschmack von Reue. Und etwas zu bereuen, ist für mich eines der schlimmsten Gefühle auf Erden.

Warum ist das so? Da ich lange auf einer Krebsstation gearbeitet habe und dort viel mit Menschen am Ende ihres Lebens zu tun hatte, kann ich mir sehr gut vorstellen, wie schrecklich Reue ist: Die Sterbephase ist noch schrecklicher, wenn Menschen etwas stark bereuen. Keiner dieser Menschen hat je von seinem Haus oder Auto gesprochen, sondern es bereut, nicht öfter gereist zu sein, nicht mehr Zeit mit der Familie verbracht, nicht weniger gearbeitet zu haben … So möchte ich nicht enden.

So haben wir uns vorbereitet

Meine Freundin Mona und ich haben die Reise ein Jahr im Voraus gebucht, im Januar 2019. So konnten wir uns körperlich auf den anstrengenden Aufstieg vorbereiten und die nötige Ausrüstung besorgen. Was den Diabetes angeht, dachte ich, dass mir mein Diabetologe sicherlich die nötigen Informationen geben würde. Das hat sich als falsch herausgestellt. Mit der Einstellung, dass das ja schon irgendwie klappen wird, hatte ich bis dahin immer alles ganz locker genommen.

Aber jetzt bekam ich innerlich Panik: Was mache ich bloß auf dem Berg, wenn mein Insulin gefriert oder es tagsüber so heiß ist, dass es denaturiert? Was mache ich, wenn die Glukosemessungen in dieser Höhe nicht funktionieren? Aber ich hatte ja als Krankenschwester medizinisches Hintergrundwissen – und mir über verschiedene persönliche Quellen Ratschläge eingeholt.

Ende Dezember 2019: Wir reisen an

Mein ganzer Rucksack war voll mit dem teuren Schlafsack und Trockenfrüchten. Am Frankfurter Flughafen traf ich Mona, meine Freundin und Reisepartnerin. Von Frankfurt flogen wir nach Addis Abbeba, der Hauptstadt Äthiopiens. Dort lernten wir Mia kennen, eine Ärztin, die auch auf den Kilimandscharo wollte. Sie sprach mich auf meine Insulinpumpe an, und da schämte ich mich zum ersten Mal dafür, Diabetes zu haben. Ich hatte ständig das Gefühl, alle beruhigen zu müssen, dass das ja alles schon gutgehen wird mit dem Glukosesensor und der Insulinpumpe.

Von Addis Abeba sind wir weitergeflogen nach Tansania. Dort lernten wir den Rest unserer Gruppe kennen sowie Ben, unseren Führer. Er kann Deutsch und brachte uns einige Swahili-Begriffe bei wie Hakuna Matata – „Mach dir keine Sorgen“. Und Pole pole – „langsam“. Am nächsten Morgen duschte ich zum letzten Mal. Und dann ging es los …

Tag 1: Der Aufstieg beginnt

Auf 2.100 Meter Höhe begannen wir mit dem Aufstieg, Startpunkt war das Lemosho Gate, ab da ging es durch den Regenwald. Erst nachts kamen wir im Mkubwa Camp (2.650 Meter) an. Komischerweise hatte ich bis jetzt keine Probleme mit den Zuckerwerten und hoffte, dass das so bleibt. Ich ließ lediglich meine Basalrate auf 10 Prozent laufen und arbeitete alle 3 Stunden mit Boli, wenn mein CGM-System anfing zu piepsen. Mein Insulin hatte ich nachts immer im Schlafsack.

Tag 2: Immer höher hinauf

Um 6.30 Uhr morgens schlüpften wir aus den Zelten, und die Guides brachten uns das Sonnenlied bei, das uns von nun an jeden Tag begleitete. Da ich das meiste Essen nicht kannte, musste ich oft meine Boli schätzen und war überrascht, wie gut das klappte. Der Tag startete wieder im Regenwald, bald jedoch gab es um uns herum nur noch wenige Pflanzen. Mein CGM-System trug ich nun in meiner Hosentasche mit Reißverschluss und hatte es nur auf Vibration gestellt. Immer, wenn der Apparat vibrierte, sah ich nach. Das funktionierte gut.

Gegen 17 Uhr kamen wir am Gate Shira I auf 3.610 Metern an. An diesem Abend bekamen wir unsere swahilischen Spitznamen. Meiner ist Dada Nesi (Krankenschwester), der von Mona Ndogo (klein, wegen ihrer Körpergröße). Die Nacht war ziemlich kalt, und ich war froh über meinen Daunenschlafsack.

Tag 3: Wir kommen dem Berg näher

Morgens trafen wir uns wieder zum Singen. Wir liefen dann weiter durch das flache Moorland. Ich musste alle 30 Minuten auf die Toilette, das hatte aber nichts mit dem Diabetes zu tun – Mona ging es genauso. Wir tranken sehr viel, weil wir solche Angst vor der Höhenkrankheit hatten. Allmählich kamen wir dem Kilimandscharo näher. Der Sonnenuntergang und die Wolken waren wunderschön, und wir hatten eine super Aussicht auf den 4.500 Meter hohen Mount Meru.

Tag 4: Nur noch zu siebt!

Immer hieß es nun Pole pole (langsam), um ja der Höhenkrankheit entgegenzuwirken. Wir liefen sehr langsam, trotzdem war es sehr anstrengend. Die Landschaft wurde immer karger, es wurde zunehmend kälter und windiger.

Wir waren schon auf 4.400 Meter Höhe, als die Truppe anhalten musste. Mona war ganz bleich im Gesicht und hatte Kreislaufprobleme. Schließlich musste sie sogar abbrechen und umkehren. Ich hatte ein unsagbar schlechtes Gewissen – habe ich meine Freundin im Stich gelassen? Einige beruhigten mich: Mona würde nicht wollen, dass ich auch umkehre und meinen Traum riskiere.

Nun nur noch zu siebt, liefen wir weiter zum Lava Tower Camp, stiegen zum Schlafen aber zum Barranco Camp ab. Mein Zucker stieg, wenn es nach oben ging, und fiel, wenn wir abstiegen.

Tag 5: Erst Frühstück, dann Klettern

Wir starteten um 10 Uhr und mussten eine steile Wand (Breakfast Wall) hochklettern. Sehr beeindruckend war, wie die Träger die Felswand hochkraxelten. Schließlich waren wir auf 4.200 Metern, unser Tagesziel war aber das Karanga Camp auf 3.995 Metern.

Nach dem Abendessen gingen wir alle früh ins Bett. Nachts war es sehr kalt. Trotzdem musste ich raus, weil ich dringend auf die Toilette musste. Allein das Aufstehen ließ mich schneller atmen. Aber draußen sah ich den schönsten Sternenhimmel meines Lebens, dazu den strahlenden Mond. Die Sterne sahen aus wie kleine, funkelnde Diamanten. Es war so ruhig, und all die kleinen Alltagsprobleme waren so weit weg.

Tag 6 und 7: Hoch und wieder runter

Nach dem Frühstück schlichen wir gegen 9 Uhr ganz langsam weiter hoch, zum Barafu Camp auf 4.670 Meter Höhe. Von dort aus ging es um 22 Uhr weiter. Ich war total kaputt und konnte nicht mehr auf die Pumpe schauen, weil allein das Öffnen des Reißverschlusses zu anstrengend war. Pausen durften wir nicht machen, weil es so windig und kalt war.

Immer wieder wollte ich aufgeben. Plötzlich funktionierte mein CGM-System nicht mehr. Rafael, einer der Guides, sagte immer wieder, dass ich noch 5 Minuten weiterlaufen solle, bevor er den Helikopter riefe. Wenn man bedenkt, dass das 7 Stunden lang so weiterging, ist klar, dass sein „Hakuna Matata“ mich irgendwann total nervte. Aber dann sagte er: „Bilge, schau einfach mal nach oben.“ Und da war schon das Schild vom Stella Point. Ich hatte gar nicht gemerkt, dass ich genau davorsitze und mich selbst bemitleide.

Der Stella Point auf 5.746 Metern gilt offiziell als der Punkt, an dem man den Berg erfolgreich bestiegen hat. Plötzlich hatte ich vor lauter Freude so viel Kraft, dass ich noch weiter hoch auf den Uhuru Peak wollte, auf 5.895 Meter. Und das schaffte ich! Ich war überglücklich, doch nicht wirklich klar bei Verstand. Ich wollte mich den Berg hinunterrollen! Das verhinderte Ben glücklicherweise.

Je mehr wir an Höhe verloren, desto klarer wurde ich wieder im Kopf. Ich war aber extrem müde und benommen. Bis heute weiß ich nicht, ob die Ursache dafür die Höhe oder eine Unterzuckerung war. Wahrscheinlich beides.

Äußeres Ziel erreicht und dabei innerlich gewachsen

Den Berg zu erklimmen, war nur ein äußeres Ziel. Es war nicht nur der Berg, den ich bezwungen habe, sondern vielmehr bin ich innerlich daran gewachsen und habe alle Barrieren in mir durchbrochen, die mich bis dahin von meinen Träumen abgehalten hatten. Es war schön, die Welt von oben zu betrachten. Diesen Moment werde ich nie vergessen und kann ihn in Gedanken immer wieder durchleben.

Ich freue mich auf die Zukunft und weiß nun, dass ich wirklich alles schaffen kann – mit den richtigen Menschen um mich herum. Danke, Kilimandscharo, dass Du mir erlaubt hast, Dich zu erklimmen. Hakuna Matata!


von Bilge Özyurt
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Erschienen in: Diabetes-Journal, 2020; 69 (6) Seite 40-42