Immer wieder geht es auch in kinderdiabetologischen Ambulanzen derzeit um das Thema COVID-19 und natürlich um die Impfung. Professor Thomas Danne bringt Sie auf den neuesten Stand – es geht u. a. um die Risiken für einen schweren Verlauf, die Impfreihenfolge und COVID-19-Varianten.

Während der Ambulanztermine gab es häufiger die Frage, ob Kinder und Jugendliche mit Diabetes ebenfalls eine vorgezogene COVID-19-Impfung erhalten sollten.

Diabetes mit hohem HbA1c bedeutet Impfpriorität

Zurzeit ist eine Impfung für alle Menschen erst ab 16 Jahre zugelassen. In der 2. Aktualisierung der Ständigen Impfkommission (STIKO) zur COVID-19-Impfung wird das stufenweise Vorgehen (Priorisierungsempfehlung) entsprechend der Höhe des Risikos und den angestrebten Impfzielen unter Berücksichtigung von Grunderkrankungen ausgeführt.

Menschen mit Diabetes und erhöhtem HbA1c (≥ 58 mmol/mol, ≥ 7,5 Prozent) werden dabei – unabhängig vom Alter oder ob ein Typ-1- oder Typ-2-Diabetes vorliegt – zur Personengruppe 3 (unter anderem Altersimpfgruppe ≥ 70 – 74 Jahre, Personen mit Vorerkrankungen mit hohem Risiko) zugeordnet. Hierbei handelt es sich um ein pragmatisches Vorgehen, das auch von der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) begrüßt wird.

Kinder mit Typ 1: keine Risikogruppe

Allerdings besteht nach Studienlage nur ein erhöhtes Risiko einer COVID-19-Erkrankung bei über 50-jährigen Menschen mit Typ-1-Diabetes und ungünstiger Stoffwechsellage. Es bleibt dabei, dass Kinder und Jugendliche mit Typ-1-Diabetes nicht zu einer Risikogruppe gehören, auch wenn sie ein HbA1c von ≥ 7,5 Prozent haben. Ungünstige Verläufe sind nur bei sehr langer Diabetesdauer zu erwarten (mittleres Alter der in England verstorbenen Krankenhauspatienten mit Typ-1-Diabetes: 72 Jahre, mit Typ-2-Diabetes: 78 Jahre).

Auch ein Zusammenhang zwischen hohen Blutzuckerwerten und schweren Verläufen ist bei älteren Erwachsenen beschrieben, aber nicht für Kinder mit Diabetes. Somit ist eine Impfung für Kinder und Jugendliche im Moment kein Thema. Wenn es zu einer Zulassung von COVID-19-Impfstoffen für Kinder und Jugendliche kommt, ist die Impfung für Menschen mit Typ-1-Diabetes genauso uneingeschränkt empfohlen wie für Menschen ohne Diabetes. Negative Folgen einer COVID-19-Impfung bei Typ-1-Diabetes sind nicht zu erwarten.

Wie ist die Reihenfolge geregelt ?

Mit der Verfügbarkeit von SARS-CoV-2/COVID-19-Impfstoffen besteht eine entscheidende Herausforderung in der Priorisierung von Personengruppen, die Impfstoffe erhalten sollen, die für einige Zeit nur begrenzt verfügbar sein werden. Eine Impfverordnung des Bundesgesundheitsministeriums (BMG) aus dem Dezember 2020 regelt, wer in Deutschland wann ein Anrecht auf eine Corona-Impfung hat.

Nun gibt es neue wissenschaftliche Erkenntnisse, die den Verdacht auf ein erhöhtes Risiko für einen schweren oder fatalen COVID-19-Verlauf bei verschiedenen Erkrankungen bestätigen. Darunter fallen Adipositas, Diabetes mellitus, Hypertonie, chronische Organ-, Gefäß-, oder neurologische Erkrankungen.

Aufgrund dieser Beobachtungen wurde nun die Priorisierung verändert. Damit können sich in Deutschland nun Menschen über 16 Jahren mit einem Diabetes mellitus und einem HbA1c-Wert ≥ 58 mmol/mol bzw. ≥ 7,5 Prozent früher als bislang vorgesehen für eine Corona-Impfung anmelden.

In den USA kategorisieren die Centers for Disease Control and Prevention (CDC) derzeit Typ-1- und Typ-2-Diabetes unterschiedlich in Bezug auf das Risiko für eine schwere Erkrankung durch COVID-19, wobei Menschen mit Typ-2-Diabetes als "mit erhöhtem Risiko für eine schwere Erkrankung" und solche mit Typ-1-Diabetes als "möglicherweise mit erhöhtem Risiko" eingestuft werden.

Worauf beruht die Einstufung in Risikogruppen ?

Experten haben davor gewarnt, von Studien mit Typ-2-Diabetes auf Personen mit Typ-1-Diabetes zu schließen. In mehreren klinischen Berichten wurden schwerere Erkrankungen und höhere Sterblichkeit durch COVID-19 bei Menschen mit Diabetes oft in Verbindung mit Übergewicht beschrieben. Die meisten dieser Informationen stammen von Personen mit Typ-2-Diabetes, während über das Risiko bei Typ-1-Diabetes weniger bekannt ist.

Wichtig ist, dass mehrere neuere Studien gezeigt haben, dass sowohl Menschen mit Typ-2-Diabetes als auch solche mit Typ-1-Diabetes im Vergleich zu Menschen ohne Diabetes ein erhöhtes Risiko für eine schwere Erkrankung durch SARS-CoV-2 haben.

Um es noch mal zu unterstreichen: Hierbei handelt es sich um ältere Erwachsene mit Typ-1-Diabetes, von denen 85 Prozent eine Diabetesdauer von mehr als 15 Jahren und in der Regel auch Folgeerkrankungen hatten. Relativ gesehen hatten Menschen mit Typ-1-Diabetes und solche mit Typ-2-Diabetes in England ähnliche statistische Risiken für Krankenhausaufenthalte, Schweregrad der Erkrankung und die Sterblichkeit im Krankenhaus. Bei beiden Diabetes-Typen war das Risiko für diese Ereignisse im Vergleich zu Menschen ohne die Erkrankung ungefähr drei Mal höher.

In einer bevölkerungsbasierten Studie in Schottland war das Risiko für eine tödliche oder auf der Intensivstation behandelte COVID-19-Erkrankung (90 Prozent der Betroffenen im Alter über 60 Jahre) für beide Diabetes-Typen ungefähr verdoppelt.

Studien bei neu aufgetretenem Typ-1-Diabetes: weiter teilnehmen?

Gegenwärtig sind verschiedene Studien zur Immunintervention bei erhöhtem Diabetes-Risiko oder bei gerade aufgetretenem Typ-1-Diabetes zum Erhalt der Restfunktion in Planung bzw. bereits begonnen. Auch hier stellt sich die Frage, ob eine COVID-Erkrankung dadurch schwerer verlaufen kann. Dafür gibt es keine Hinweise: 5 Studienteilnehmer im Alter von 9 bis 15 Jahren mit Diabetesmanifestation haben sich während einer Immuninterventionsstudie nachweislich mit COVID-19 infiziert, alle waren asymptomatisch oder hatten einen sehr milden Verlauf.

Zur Einschätzung kann man auch Erfahrungen mit ähnlichen Medikamenten-Studien heranziehen. Immuninterventionsstudien laufen ja auch bei anderen Autoimmunkrankheiten. Eine Analyse von Daten von 800 Studienteilnehmern mit immunmodulatorischer Behandlung bei entzündlichen Darmerkrankungen zeigte keine Hinweise auf eine höhere Wahrscheinlichkeit, sich mit COVID-19 zu infizieren oder einen schweren Verlauf der Erkrankung zu haben.

Ohnehin steht bei allen Studien die Sicherheit von Teilnehmern und Personal im Vordergrund. So wird zum Beispiel bei der INNODIA-Studie jeder potenzielle Studienteilnehmer einem hochsensiblen PCR-Test unterzogen, mit dem kleinste Mengen von Viruspartikeln nachgewiesen werden können. Diese hochprädiktive Technik erlaubt es, sowohl eine kürzlich vorausgegangene als auch eine aktuell bestehende Virusinfektion frühzeitig zu erkennen. Dieser Test ist derzeit der Goldstandard für den Nachweis des neuen Coronavirus SARS-CoV-2.

Keine Gefahr durch Impfung bei Immunintervention

Auch wenn man als Studienteilnehmer eine COVD-19-Impfung bekommt, ist durch die Impfung kein schwerer Verlauf zu erwarten. Auch bei einem unterdrückten Immunsystem kann aus den verimpften Virusbestandteilen keine manifeste COVID-19-Erkrankung entstehen.

Ein relatives Risiko besteht nur darin, dass die Impfung durch eine stattgehabte immunmodulatorische Behandlung nicht ausreichend erfolgreich ist, weil die Bildung von Impf-Antikörpern durch die Behandlung unterdrückt werden könnte. Deshalb wird bei solchen Studien ein entsprechender Abstand zwischen Gabe von Studienmedikamenten und der Impfung empfohlen.

COVID-19-Varianten

Während sich Viren verbreiten und Menschen infizieren, verändern die Erreger sich ständig und passen sich an, was zu Mutationen führt. Wenn eine Mutation dem Virus einen Vorteil verschafft (z. B. eine schnellere Ausbreitung), kann sie sich in eine Variante verwandeln, die zur Hauptform dieses Virus innerhalb einer Bevölkerung wird. Das mag beängstigend klingen, ist aber typisch für Viren – neue Varianten entstehen und nehmen mit der Zeit ab.

Da sich COVID-19 im letzten Jahr weltweit ausgebreitet hat, konnte sich das Virus verändern und anpassen und neue "Varianten" erzeugen. Viren wie die, die COVID-19 oder die Grippe verursachen, mutieren und verändern sich ständig – deshalb ist es so wichtig, sich jedes Jahr gegen Grippe impfen zu lassen.

Bislang scheinen einige dieser COVID-19-Varianten ansteckender zu sein, was bedeutet, dass sich das Virus leichter von Mensch zu Mensch ausbreiten kann. Derzeit gibt es mehrere Varianten von COVID-19 auf der ganzen Welt, und drei von ihnen – die Varianten in Brasilien, Südafrika und Großbritannien – sind weit verbreitet. Erste Daten zeigen, dass diese drei Varianten übertragbarer sind (sie verbreiten sich leichter innerhalb der Bevölkerung) und möglicherweise mehr Menschen mit COVID infizieren können.

Die große Frage ist nun, ob diese Varianten schwerere Erkrankungen verursachen können. Auch wenn sich viele von uns durch die strengen Sicherheitsmaßnahmen und lokalen Beschränkungen belastet fühlen, ist es jetzt umso wichtiger, alle möglichen Maßnahmen zu ergreifen, um uns und unsere Mitmenschen zu schützen. Dies ist besonders wichtig, wenn Kinder Kontakt zu älteren Menschen mit Typ-1- oder Typ-2-Diabetes haben, da diese ein höheres Risiko für schwere Erkrankungen durch COVID-19 haben.

Was sind die guten Nachrichten?

Immer mehr Menschen lassen sich täglich impfen, und Menschen mit Diabetes werden vorrangig für eine frühe Impfung ausgewählt. Wenn die Menschen eine Immunität gegen COVID aufbauen, wird sich das Virus in der Umgebung weniger verbreiten. Obwohl es noch nicht sicher ist, scheint es, dass die aktuellen Impfstoffe die Menschen weiterhin gegen die neuen Varianten von COVID schützen sollten. Wenn sich im Laufe der Zeit weitere Stämme von COVID entwickeln, können die Impfstoffe an die veränderte Bedrohung angepasst werden.

Schließlich können Sie Ihr Bestes tun, um sich selbst, Ihre Lieben und Ihre Umgebung zu schützen, indem Sie so vorsichtig wie möglich sind, weiterhin sozialen Abstand halten und medizinische Masken tragen, Ihre Hände waschen oder desinfizieren und sich impfen lassen, wenn Sie an der Reihe sind.|


Autor:
Prof. Dr. med. Thomas Danne
Chefarzt Diabetologie, Endokrinologie und Allgemeine Pädiatrie sowie klinische Forschung
Kinderkrankenhaus auf der Bult
Janusz-Korczak-Allee 12, 30173 Hannover
E-Mail: danne@hka.de


Erschienen in: Diabetes-Eltern-Journal, 2021; 13 (1) Seite 10-11