Während ich diese Kolumne schreibe, lege ich mir gerade Traubenzuckerplättchen in den Mund: eins, dann noch eins und noch eins. Hmm.

Eigentlich putzte ich vor 20 Minuten meine Zähne, setzte mich im Schlafanzug an den Laptop, weil ich meine Gedanken zu einem ganz anderen Thema niederschreiben wollte. Dann piepte mein Handy laut, ein LOW-Alarm. Erst jetzt spürte ich auch leichte Symptome: Meine Hände zitterten etwas und ich war hibbelig.

Dass diese Unterzuckerungen auch oft erst nach dem Zähneputzen kommen müssen! Warum ist das so? Ich überlegte: Wann spritzte ich heute eigentlich das letzte Mal Insulin? Das war auf jeden Fall noch vor Feierabend – nach einem Snack am Nachmittag. Zwischenzeitlich sind mindestens sechs Stunden vergangen. Ich machte Feierabend, war noch im Kino.

Warum also ausgerechnet jetzt? Ich hatte heute keine übermäßige Bewegung, nicht mehr oder weniger Stress als sonst, keinen Alkohol, und laut Zyklus-App bin ich mitten in der Lutealphase, in der ich (normalerweise) keine Schwankungen habe: Es macht alles überhaupt gar keinen Sinn. Während ich also überlege, packe ich langsam Traubenzuckerplättchen aus – und hier sind wir wieder in meiner Gegenwart, wo ich immer noch nicht weiß, wie es zu der Situation kommen konnte.

Ich muss gestehen, solche Situationen ärgern mich aktuell vielleicht mehr als sonst. Der Diabetes ist im Moment nämlich eigentlich mehr oder weniger Nebensache, auf jeden Fall nicht der Hauptdarsteller meines Alltags.

Ich hadere seit Jahresbeginn und nach den ganzen Feiertagen immer noch damit, genug Schlaf zu bekommen und mich selbst in alldem nicht zu verlieren. Und ja, irgendwie wünschte ich, der Diabetes würde jetzt einfach wirklich mal die Klappe halten. Ich wünschte, jemand würde vorbeikommen und mir den Diabetes mal für ein paar Tage oder Wochen ab- und das Steuer übernehmen.

Ich wünschte, ich könnte mal einige Zeit meine Ruhe haben, mich irgendwie auf das für mich jetzt aktuell Wesentliche konzentrieren – und nicht permanent gezwungen sein, eine Funktion meines Körpers zu ersetzen. Aber wie wir alle wissen, geht das leider nicht so einfach. Vielleicht irgendwann.

Und bis dahin sitze ich hier und frage mich, warum eine abendliche Unterzuckerung immer genau dann kommt, wenn ich mir gerade frisch die Zähne geputzt und meine Knirschschiene eingesetzt habe. Und ich frage Euch: Wenn Ihr nach dem Zähneputzen oder in der Nacht eine Unterzuckerung habt und etwas esst, putzt Ihr Euch dann noch mal die Zähne? Oder legt Ihr euch direkt wieder ins Bett?

Eure Tine


Martina „Tine“ Trommer lebt seit Jahren in der Hauptstadt, bloggt seit ihrer Diabetesdiagnose 2013 unter www.icaneateverything.com sowie auf der Blood Sugar Lounge und schreibt regelmäßig an dieser Stelle über ihr Leben mit Diabetes in Berlin.

Erschienen in: Diabetes-Journal, 2020; 69 (3) Seite 42