Kurz vor dem Weltdiabetestag – am Tegernsee treffen sich zum Interview und Video-Dreh: Fußball-Weltmeister Philipp Lahm, Bloggerin, Ultrasportlerin und Typ-1-Diabetikerin Stæff Blockus sowie das Diabetes-Journal. Sehr ungewöhnlich: Lahm stellte die Fragen und informierte sich selbst sowie die Öffentlichkeit.

Bewusst und gesund zu leben – das ist das zentrale Thema von Fußball-Weltmeister Philipp Lahm. Er hat es sich zur Mission gemacht, den Menschen Lust auf einen aktiven Lebensstil und eine wertschätzende Körperpflege zu machen – „als Basis für einen gesunden Körper“, wie er sagt. Das ist Leitmotiv auch für sein unternehmerisches Engagement: Lahm ist Gesellschafter von Sixtus, einem Hersteller von Körperpflegeprodukten auf natürlicher Basis.

Philipp Lahm (35): Kapitän der Fußball-Weltmeister-­Mannschaft 2014; Champions-League-Sieger 2013; 8-maliger Deutscher Meister. Die Philipp Lahm-Stiftung unterstützt Kinder und Jugendliche in Deutschland und Südafrika. Lahm ist Chef des Organisationskomitees der EM 2024. „Beim Thema Diabetes ist es wichtig, die Bevölkerung zu sensibilisieren, vor allem diejenigen, die nicht wissen, was diese Krankheit bedeutet.“ Genau!

Seit über einem Jahr engagiert er sich als Botschafter für die Präventions- und Aufklärungsarbeit: „Ich möchte die Menschen ermutigen, ihr Leben aktiv anzugehen. Und ich möchte Diabetiker ermutigen, die Krankheit aktiv anzugehen. Der Lohn ist aus meiner Sicht ein selbstbestimmtes Leben.“

Stefanie „Stæff“ Blockus (36) hat seit 1997 Typ-1-Diabetes. Zum Leben der ausgebildeten Fitness-Trainerin gehören Marathons und 24-Stunden-Läufe. Dank des Sports hat sie es geschafft, sich aus einem Tief zu befreien, in das sie nach jahrelanger strenger Diät und einem Leben nach Zeitplan gefallen war.

Heute arbeitet sie als Online-Redakteurin und betreibt daneben seit 9 Jahren einen Diabetes-Blog: Sie erzählt über ihren Alltag, über neue Entwicklungen, medizinische Fortschritte und gibt ihre Erfahrungen vor allem zu Sport weiter. Ihr Motto: Diabetes ist Ausdauersport.

Mehr über Stæff finden Sie auf ihrem Blog sowie auf ihrem Instagram-Profil

Damit trifft Philipp Lahm auch bei „Stæff“ ­Stefanie Blockus den Nerv: Die „Diabetes-Aktivistin“ gehörte zu den Ersten, die sich für die Online-Vernetzung der Selbsthilfe, für den Austausch von Diabetikern auch digital starkmachten. Selbst Typ-1-Diabetikerin, spielt dabei auch für sie der Sport eine zentrale Rolle – in ihrem Leben wie in ihrem Blog. Die beiden trafen sich im November zum für Philipp Lahm ungewöhnlichen Interview: Jetzt stellte er die Fragen, um mehr über das Leben eines Diabetikers mit Sport zu erfahren. Hier das Ergebnis:


Philipp Lahm: Unser beider Thema ist Bewegung und Sport. Springen wir gleich mitten rein: Sport und Diabetes – wie passt das zusammen?
Stefanie Blockus: Das passt sehr gut zusammen. Wie bei einem stoffwechselgesunden Menschen auch, trägt Sport zu einem gesunden Lebensstil bei. Dennoch gibt es bei Menschen mit Diabetes einige Besonderheiten: Der Muskel verbraucht bei jeder Bewegung Glukose, damit sinkt der Blutzucker, während die Insulinempfindlichkeit steigt. Somit müssen Menschen mit Diabetes dementsprechend ihre Diabetes-Therapie anpassen, etwa ihre Insulindosis reduzieren. Einerseits macht der Sport das an sich schon anspruchsvolle Diabetes-Management somit natürlich ein wenig aufwändiger, andererseits kann man dank der Therapie-Anpassungen beim Sport gleich doppelt profitieren. (siehe nächste Frage)

Lahm: Welche positiven Auswirkungen hat Bewegung auf Diabetiker?
Blockus: Sport senkt den Blutzucker, man benötigt weniger Insulin. Typ-2-Diabetiker, die Insulin spritzen müssen, haben sogar die ­Chance, mit Sport und bewusster Ernährung nicht mehr auf Insulin angewiesen zu sein. Wenn ein Typ-2-Dia­betiker nur mit Tabletten eingestellt ist, kann er dank Sport gegebenenfalls komplett ohne Medikamente auskommen. Aber auch Typ-1-Diabetiker profitieren vom geringeren Insulinbedarf: Zum einen hat Insulin nicht nur positive Wirkungen auf den Körper. Zum anderen habe ich die Erfahrung gemacht, dass sich zu hohe Werte mit Sport manchmal deutlich effektiver bezwingen lassen als mit der Korrektur durch noch mehr Insulin.

Video: Fußballweltmeister trifft Ultrasportlerin mit Diabetes


Lahm: Mit welchem Aufruf würdest Du einen Diabetiker motivieren, der sich bisher noch nicht für Sport und Bewegung begeistern konnte?
Blockus: Mein Motto: Nicht reden, machen ;). An die Hand nehmen und direkt zeigen, wie viel Spaß Bewegung macht und wie positiv sich der Sport unmittelbar auf die Blutzuckerwerte auswirkt. Dazu reicht für Anfänger schon ein etwas zügiger Spaziergang aus. Ich bin mir sicher: Jeder wird sich danach besser fühlen, und wenn man regelmäßig dabeibleibt, wird man auf Dauer seine Medikamente bzw. die Insulindosis reduzieren können. Wenn das nicht motiviert, dann weiß ich auch nicht …

Lahm: Wie legt man als Diabetiker am besten los, wenn Sport und Bewegung bisher noch keinen Platz im Leben hatten?
Blockus: Zunächst sollte man sich vor Beginn des Trainingsprogramms beim Arzt durchchecken lassen und sich mit dem Dia­betesteam abstimmen. Natürlich sollte man langsam anfangen und den Blutzucker während des Sports stets im Auge behalten. Traubenzucker gehört auf jeden Fall in die Sporttasche. Bei längeren sportlichen Aktivitäten sollten auch die Diabetes-Medikamente, die Diabetes-Utensilien und genügend Ersatz mitgeführt werden.

Lahm: Birgt Sport mit Diabetes auch Risiken?
Blockus: Im Sport kann es zu Akutkomplikationen kommen, etwa zur Hypoglykämie oder zur Ketoazidose. Diese Gefahr besteht zwar auch im Alltag, im Sport kann man in diese Zustände jedoch deutlich schneller und zum Teil auch unbemerkt reinrutschen. Insbesondere bei an sich schon risikoreichen Sportarten muss man hier aufpassen (Mountainbiking, Paragliding etc.).


»Sport will gut geplant sein!«
Stefanie Blockus


Lahm: Worauf muss ein Diabetiker besonders achten – vor, bei oder nach dem Sport?
Blockus: Sport will gut geplant sein. So reduziere ich die Insulindosis je nach Ausgangswert bereits 1,5 Stunden vor Trainingsbeginn oder injiziere weniger Insulin zu den Mahlzeiten. Ich achte darauf, dass der Blutzucker vor Sportbeginn etwa bei 150 bis 180 mg/dl (8,3 bis 10,0 mmol/l) bei konstanter oder steigender Tendenz liegt. Liegen meine Blutzuckerwerte höher als 240 mg/dl (13,3 mmol/l), messe ich Ketone. Messe ich Ketonwerte höher als 1,1 mmol/l, betreibe ich keinen Sport. Beim Sport führe ich immer Traubenzucker bei mir. Bei länger andauerndem Training dürfen auch für mich wichtige andere Diabetes-Utensilien nicht fehlen, etwa Ersatz-Batterien für mein Blutzuckermessgerät oder Ersatz-Katheter und Insulin für meine Insulinpumpe.

Lahm: Ich habe gehört, es gibt einen „Muskelauffülleffekt“ nach dem Training. Was ist das, und was bedeutet das für Dich als Sportlerin mit Diabetes?
Blockus: Die verbesserte Insulinempfindlichkeit durch den Sport kann je nach Trainingsdauer/-intensität noch 24 bis 36 Stunden anhalten. Das ist der Muskel­auf­fülleffekt. In der Zeit sollte man häufiger den Blutzuckerwert kontrollieren und die Medikamentendosis gegebenenfalls in Absprache mit dem Arzt reduzieren.

Lahm: Für mich war es immer wichtig, die richtigen Leute an meiner Seite zu haben. Wo finde ich als Sportler mit Diabetes Unterstützung?
Blockus: Die IDAA ist die Vereinigung diabetischer Sportler. Auf www.idaa.de findet man Informationen, Ansprechpartner und Hinweise auf Veranstaltungen. Mir persönlich hilft zudem der direkte Austausch sehr viel weiter. In Blogs und sozialen Netzwerken, aber auch auf zahlreichen Diabetes-Veranstaltungen und bei persönlichen Begegnungen tauschen und helfen wir uns regelmäßig aus.

Lahm: Wann hast Du die Diagnose Diabetes bekommen?
Blockus: Ich bekam 1997 die Diagnose. Ich war damals mitten in der Pubertät, das war für mich ein Schlag ins Gesicht.

Lahm: Wie viel wusstest Du vor Deiner Diagnose bereits über die Krankheit?
Blockus: Ich wusste nichts über Diabetes und war völlig überfordert. Leider war ich auch in der Klinik nicht gut aufgehoben, da das Personal dort weniger Erfahrung mit Diabetes Typ 1 als mit Typ 2 gemacht hatte. So behandelte und therapierte man mich dort wie einen Typ-2-Diabetiker.

Lahm: Was riet man Dir damals zum Thema Sport?
Blockus: Damals in der Klinik sagte man mir, ich müsse als Diabetiker komplett auf Sport verzichten. Das war natürlich großer Blödsinn, was heute auch zum Glück jeder weiß, der mit Diabetes zu tun hat. Es hat nicht lange gedauert, bis ich mich diesem unsinnigen Verbot widersetzt habe. Bereits in der Klinik drehte ich heimlich Laufrunden und stellte dabei fest, was diese für einen positiven Einfluss auf meine Blutzuckerwerte hatten (die ich vorher durch ebenfalls verbotene Gummibärchen ebenfalls heimlich in die Höhe getrieben hatte).


»Diabetes ist ein 24- Stunden-Job ohne Urlaub. Ich übernehme den Job eines Organs.«
Stefanie Blockus


Lahm: Ich sehe Parallelen zwischen Diabetes und Leistungssport: In beiden Fällen muss man lernen, stets auf den eigenen Körper zu achten und ein starkes Bewusstsein für die eigenen Bedürfnisse zu entwickeln. Dein Motto ist: „Diabetes ist Ausdauersport“. Wie kommst Du zu diesem Vergleich?
Blockus: Diabetes ist ein 24-Stunden-Job ohne Urlaub. Ich übernehme die Aufgabe eines Organs. Ich muss selbst die Dosis Insulin anhand meiner Blutzuckerwerte berechnen, die ich für meinen Alltag benötige. Kein Tag ist wie der andere, und so ziemlich alles hat Auswirkungen auf die Blutzuckerwerte. Das erfordert Ausdauer, auch mentale Stärke, wenn es trotz aller Bemühungen nicht wie gewünscht hinhaut. Das Diabetesmanagement erinnert damit an sportliche Wettkämpfe wie etwa an Marathons, die viel Ausdauer und gleichzeitig mentale Stärke erfordern.

Lahm: Im Winter fällt es schwerer, sich aufzuraffen und sich zu bewegen – das kenne ich auch. Wie motivierst Du Dich in der kalten, dunklen Jahreszeit?
Blockus: Ich habe Sport fest im Alltag integriert. Sport gehört dazu wie das Zähneputzen. Ich arbeite auch als Trainer, so dass ich zu festen Zeiten meinen Kursen im Fitnessstudio nachgehe. Mir macht es einfach Spaß, und wenn ich mich wirklich mal gar nicht motivieren kann, dann ist das auch mal okay. Oder ich rufe mir das Gefühl zurück ins Gedächtnis, das ich nach dem Sport verspüre.

Lahm: Begleiten Dich dabei auch Ängste? Wie gehst Du damit um?
Blockus: Bei sportlichen Wettkämpfen ist oft Adrenalin mit im Spiel. Dies kann die Blutzuckerwerte durcheinanderbringen. Es ist nicht immer leicht, die Werte im Zielbereich zu halten. Ich versuche, mich innerlich zu beruhigen mit Sätzen wie: „Wenn es mal nicht läuft, dann ist es eben so. Das kann jedem passieren, davon geht die Welt nicht unter. Auch jeder gesunde Mensch hat mal einen schlechten Tag.“ Mittlerweile ist eine gewisse Routine eingekehrt, wobei Respekt, etwa vor der Marathonstrecke, immer noch mitläuft.

Lahm: Hast Du schon mal eine kritische Situation erlebt? Was ist passiert, und was hast Du daraus gelernt?
Blockus: Bei einem Marathon in Bremen gab die Batterie meiner Insulinpumpe den Geist auf. Ich war mir sicher, Ersatzbatterien dabeizuhaben. Fehlanzeige. Zum Glück konnte mir ein Zuschauer aushelfen. Seitdem versichere ich mich doppelt und dreifach, ob ich alles dabeihabe, am besten in doppelter Ausführung.

Lahm: Pflege war für mich als Sportler immer ein zentrales Thema – und ist für Dia­betiker aufgrund besonders trockener und empfindlicher Haut gleich nochmal essentieller. Wie ist das bei Dir?
Blockus: Auch ich habe eher trockene Haut, aber das hatte ich schon vor meiner Diagnose. Pflaster von Sensoren und Kathetern, die auf meinem Körper kleben, reizen die Haut jetzt jedoch zusätzlich. Deswegen bin ich gut damit beraten, mich täglich einzucremen. Auch das Diabetische Fußsyndrom, das zu den schwerwiegendsten Diabetesfolgeerkrankungen gehört, habe ich im Hinterkopf und widme deshalb der Pflege meiner Füße hohe Aufmerksamkeit.

Lahm: Worauf achtest Du bei der Wahl Deiner Körperpflege-Produkte?
Blockus: Ich nehme gern natürliche Produkte, die speziell für die trockene Haut von Diabetikern geeignet sind. Ich kaufe sie bei Diabetes-Fachhändlern oder in der Apotheke. Hier bekomme ich wirkungsvolle Spezialprodukte und fühle mich gut beraten.


»Mein Freund geht manchmal besser mit meinem Diabetes um als ich selber ;)«
Stefanie Blockus


Lahm: Wie offen bist Du am Anfang Deiner Beziehung mit der Krankheit umgegangen?
Blockus: Ich habe von Anfang an mit offenen Karten gespielt. Warum auch nicht, schließlich muss man sich für Diabetes nicht schämen. Dennoch habe ich den Diabetes nicht übermäßig thematisiert. Er ist nur ein Teil meines Lebens.

Lahm: Wie war die erste Reaktion Deines Partners? Und wie geht er heute damit um?
Blockus: Da sein Vater ebenfalls Diabetes Typ 1 hatte, ist er von Anfang an recht souverän damit umgegangen. Im Prinzip geht er manchmal besser mit meinem Diabetes um als ich selber ;). Er ist die einzige Person, der ich mein Diabetes-Management anvertrauen würde.

Seit einem Jahr unterstützt das Unternehmen Sixtus die wichtige Arbeit der Deutschen Diabetes-Hilfe e. V. dabei, die Öffentlichkeit über den Diabetes aufzuklären. Philipp Lahm ist alleiniger Gesellschafter der Sixtus Werke Schliersee GmbH; das Unternehmen aus Oberbayern stellt seit 1931 Pflegeprodukte mit Alpenkräutern her. Auf der Diabetes Charity Gala 2017 sorgte der Fußball-Weltmeister Lahm für riesiges Aufsehen, sprach zur Eröffnung und gab dem Diabetes-Journal damals ein spontanes und sehr sympathisches Video-Interview (bit.ly/2PRDYl2).

Vor über 20 Jahren hat Sixtus laut Presse-Information die Hautpflegebedürfnisse von Diabetikern erkannt, spezifische Produkte hierfür entwickelt und in der Zusammenarbeit mit Experten kontinuierlich weiterentwickelt. Entstanden sei nun Sixtus MED Diabetiker – ein, wie es heißt, natürliches Pflegeprogramm „frei von Parabenen, PEG-Verbindungen, Mineralöl, Farbstoffen, Paraffinen sowie Silikonen“. Seit Herbst 2018 sind die Produkte deutschlandweit in Apotheken erhältlich.

Lahm: Beeinflusst Diabetes den Alltag als Paar?
Blockus: Wir versuchen, dem Diabetes nicht mehr Platz einzuräumen, als ihm zusteht. Natürlich lässt es sich nicht komplett vermeiden, dass er hier und da unsere Beziehung beeinflusst. So ist mein Mann beispielsweise häufig besorgt, wenn meine Werte verrücktspielen. Da man bei einer Unterzuckerung sehr dünne Nerven hat, gilt bei uns: „Alles, was ich während einer Hypo gesagt habe, habe ich nicht gesagt.“

Lahm: Wie kann Dein Partner Dich beim Umgang mit Deiner Krankheit unterstützen?
Blockus: Mein Mann ist stets auf dem Laufenden, was es an Entwicklungen in der Diabetes-Technologie gibt, und hilft mir, von diesen zu profitieren. Wichtiger ist jedoch seine Rolle als Ruhepol: Wenn ich die Nerven verliere, hilft er mir, zurück auf den Boden zu kommen und die Werte wieder in den Griff zu bekommen. Auch praktisch: Er hilft mir dabei, Insulinpumpe und Sensor an Stellen zu setzen, die ich selber nicht erreiche.


Interview: Philipp Lahm | Text: Redaktion
Kirchheim-Verlag, Kaiserstraße 41, 55116 Mainz,
Tel.: (0 61 31) 9 60 70 0, Fax: (0 61 31) 9 60 70 90,
E-Mail: redaktion@diabetes-journal.de


Erschienen in: Diabetes-Journal, 2018; 67 (12) Seite 8-11