Corona-Pandemie – plötzlich hocken alle Familienmitglieder den ganzen Tag aufeinander: Wie gestaltet man nun das Familienleben und geht mit Konflikten um? Wann ist eine Therapie-Anpassung nötig? Wie der Angst vor einer Insulin-Knappheit begegnen? Die beiden Psychologinnen Dr. Heike Saßmann und Prof. Karin Lange geben Tipps für alle Familien – und speziell für jene, in denen ein Kind mit Diabetes lebt.

Kinderdiabetologe im Video
Die Einschätzung von Kinderdiabetologe Professor Thomas Danne zu einer Infektion mit Corona bei Kindern mit Diabetes finden Sie in diesem Video.

Die aktuellen Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie stellen für Familien – zumal mit jüngeren Kindern – eine große Herausforderung dar, egal ob mit oder ohne Diabetes. Plötzlich hocken alle Familienmitglieder den ganzen Tag aufeinander, äußere Strukturen und Betreuungsmöglichkeiten fallen weg, und auch Ablenkung und Unterhaltung sind nur innerhalb der eigenen vier Wände möglich.

Im Folgenden geben die beiden Hannoveraner Psychologinnen Dr. Heike Saßmann und Prof. Karin Lange einige Anregungen, die Familien helfen können, diese ungewöhnliche Zeit zu gestalten, auch schöne Momente zu erleben und eine Eskalation von Konflikten zu verhindern.

Die Autorinnen:


Prof. Dr. Karin Lange
Leiterin Medizinische Psychologie,
Medizinische Hochschule Hannover

Dr. Heike Saßmann
Medizinische Psychologie,
Medizinische Hochschule Hannover


1. den Tag strukturieren

Routine und Struktur im Alltag geben Sicherheit. Durch die neue Situation fallen die meisten Strukturen weg (keine Schule, keine Kita…). Deshalb ist es wichtig, gerade jetzt die Tage gut zu strukturieren, um Kindern Orientierung und ein Gefühl von Sicherheit zu bieten. Ein gleichbleibender Tagesablauf ist auch im Hinblick auf die Diabetesbehandlung sinnvoll.

Gleichzeitig können damit mögliche Konflikte reduziert werden (wenn Fernsehen z. B. immer zur gleichen Tageszeit eingeplant ist, können Kinder lernen, dass es sinnlos ist, alle paar Minuten darum zu streiten). Ein geregelter Tag schafft Normalität. Eltern können mit ihren Kindern gemeinsam einen Tagesplan entwerfen und aufmalen oder aufschreiben.

Folgende Punkte sind dabei wichtig:
  • Planen Sie regelmäßige gemeinsame Mahlzeiten ein
  • Planen Sie gleichmäßige Schlaf- und Aufstehzeiten ein.
  • Planen Sie sowohl aktive Phasen als auch Ruhephasen ein.
  • Planen Sie Aufgaben für alle Familienmitglieder mit ein (Schule, Haushalt, Home-Office, Diabetesbehandlung).
  • Seien Sie ein gutes Vorbild: Halten Sie sich selbst an den Tagesplan (z. B. an Mahlzeiten teilnehmen, zur geplanten Zeit aufstehen)!


2. positive Aktivitäten einplanen

Nutzen Sie die gemeinsame Zeit für positive Aktivitäten. Überlegen Sie gemeinsam mit den Kindern für jeden Tag „etwas Schönes“ (z. B. ein Lieblingsspiel spielen, etwas basteln, ein Lieblingsessen kochen/backen, ein „#Wir bleiben zuhause“-Plakat malen,…). Manchmal fällt einem spontan gar nichts ein, womit man sich beschäftigen könnte. Eltern können gemeinsam mit ihren Kindern eine Ideenkiste anlegen, in der Vorschläge aller Familienmitglieder gesammelt werden. Sie finden in den verschiedenen Medien derzeit viele Anregungen für häusliche Aktivitäten.

Zuhause mit den Eltern zu kochen oder zu backen, ist besonders für Kinder mit Diabetes eine gute Gelegenheit, um zu lernen, wie fertige Nahrungsmittel zusammengesetzt sind, z. B. ein Rührkuchen oder Muffins. Die eigene praktische Erfahrung wird viel besser erinnert als jeder Vortrag oder jedes Buchkapitel. „Kochen können“ ist eine wichtige Voraussetzung dazu, mit Diabetes lebenslang gut zurechtzukommen. Sie können jetzt gemeinsam lernen, wie ein Ei aufgeschlagen wird, wie ein echter Pizzateig gemacht oder ein ganz besonderer Pudding gekocht wird.

Achten Sie darauf, dass gerade bei jüngeren Kindern jeden Tag auch bewegungsreiche Aktivitäten dabei sind (z. B. Gymnastik machen nach YouTube-Videos, Tanzen, Verstecken spielen, Toben…). Planen Sie sowohl gemeinsame Aktivitäten ein als auch Zeiten, in denen Sie als Eltern sich alleine entspannen können (z. B. alleine spazieren gehen, ein Buch lesen).


3. Diabetesbehandlung: Ängste und Änderungen

Hamsterkäufe und geschlossene Geschäfte führen zu Verunsicherung und diffusen Ängsten: „Haben wir wirklich genug zu essen im Haus? Was, wenn wir nächste Woche nicht mehr alles kaufen können?“ Die Erfahrung, dass auf einmal die Regale im Supermarkt nicht mehr brechend voll sind, oder Nachrichten über fehlende Medikamente können Familien mit einem chronisch kranken Kind besonders verunsichern. Plötzlich wird Eltern bewusst, wie abhängig ihr Kind vom Insulin ist. Bleiben Sie ruhig und überlegen Sie (ggf. gemeinsam mit Ihrer zuständigen Diabetesambulanz), wie viele Insulinvorräte sinnvoll und notwendig sind.

Manche Kinder fragen auch, was passiert, wenn es kein Insulin mehr geben sollte. Zunächst können Eltern nur ehrlich sein und das wiederholen, was dem Kind bereits bei der Diagnose übermittelt wurde: „Kein Kind kann ohne Insulin leben, deshalb spritzen es sich Kinder mit Diabetes.“ Welche Gedanken und Argumente können Eltern und Kinder beruhigen? Die pharmazeutische Industrie kann heute sehr, sehr große Mengen an Insulin herstellen – viel mehr, als gebraucht wird. Das in Deutschland genutzte Insulin wird in europäischen Staaten und in den USA hergestellt. Selbst unter schwierigen Bedingungen wird es Insulin geben und verkauft werden, weil darauf sehr, sehr viele Menschen angewiesen sind.

Mehr zum Thema auf diabetes-online.de:
Insulin und Diabetes-Hilfsmittel in Zeiten von Corona

Ist die Versorgung in Deutschland gesichert?

Immer wieder erreichen uns Anfragen von Menschen mit Diabetes oder auch ihren Angehörigen. Sie fragen, ob es während der Corona-Pandemie in Deutschland zu Engpässen in der Versorgung mit Insulin und Hilfsmitteln kommen kann. Sind die Sorgen begründet? Wir haben bei Herstellern und Händlern nachgefragt.

Durch mehr oder weniger Bewegung im neu strukturierten Alltag kann es zu einem veränderten Insulinbedarf zur jeweiligen Tageszeit kommen. Der Erstklässler, der jetzt den ganzen Vormittag mit seinem großen Bruder durch die Wohnung tobt, braucht eventuell weniger Insulin für seinen Snack und umgekehrt. Auch bei Kindern, die ihre Diabetesbehandlung teilweise schon alleine übernehmen, sollten Eltern jetzt zunächst sonst übliche Berechnungsregeln gemeinsam mit ihren Kindern überprüfen. Beobachten Sie zusammen, was die „Corona-Isolation“ für die Insulintherapie bedeutet.

Das Zusammensein bietet aber auch die Gelegenheit, gemeinsam auszuprobieren, was Ihr Kind schon zu seiner Diabetesbehandlung beitragen kann. Etwas ältere Kinder können schrittweise mit Ihnen überlegen, wie viel Insulin für eine Mahlzeit gegeben werden sollte. Gemeinsam können Sie in den nächsten Stunden mit dem CGM-System überprüfen, ob die Menge gestimmt hat. So lernt Ihr Kind in der schulfreien Zeit etwas dazu, wird selbständiger und gewinnt an Sicherheit.


4. Kontakte zu Freunden und Familie aufrechterhalten

Soziale Kontakte sind wichtig und Freunde zu treffen macht glücklich. Wie können alle Familienmitglieder trotz der Beschränkungen soziale Kontakte aufrechterhalten? Überlegen Sie, wie die einzelnen Familienmitglieder ihre sozialen Kontakte trotz der Einschränkungen pflegen können. Kinder können z. B. einen Brief an die Großeltern schreiben oder ein Bild malen. Vielleicht auch den Nachbarn ein Bild malen, um sie von der häuslichen Isolation abzulenken?

Regen Sie Ihre Kinder zu Telefon- und Videoanrufen mit Freunden und Großeltern an. Mit jüngeren Kindern muss der Ablauf zunächst geübt werden, damit alles funktioniert. Danach können feste Telefontermine mit Freunden und Großeltern vereinbart werden. Das kann schon für sehr kleine Kinder spannend sein: Opa kann per Videoanruf vorlesen oder dem Freund können Legotürme gezeigt werden. Allein das gemeinsame Schimpfen über die vielen Schulaufgaben kann Kinder entlasten… Und regelmäßige (Video-)Anrufe geben Struktur und den Eltern zumindest ein kleines Zeitfenster.

Auch für sich selber sollten Eltern soziale Kontakte einplanen – und das nicht nur über WhatsApp-Nachrichten. Vielleicht „treffen“ Sie sich mit Freunden zum Video-Chat zu einer verabredeten Uhrzeit? Oder telefonieren mit anderen Eltern, um sich auszutauschen.


5. Gut zuhören, altersgerecht erklären, kindgerecht informieren

Corona ist derzeit in aller Munde. Selbst jüngere Kinder bekommen oft viel mehr mit, als Eltern lieb ist, und erleben manchmal diffuse Ängste. Sie können nicht verstehen, was genau ein Virus ist oder was im Körper bei einer Infektion passiert. Sie stellen sich einfache Zusammenhänge vor – und das kann Ängste auslösen (z. B.: "Wenn ich den Türgriff angefasst habe, habe ich Corona, dann bin ich tot."). Eltern sind vor die Aufgabe gestellt, ihren Kindern altersentsprechend die momentane Situation zu erklären und auf typische Fragen zu antworten (z. B.: "Wann kann ich mich wieder mit meinen Freunden treffen?").

Nehmen Sie die Ängste und Sorgen Ihrer Kinder ernst, und seien Sie ein guter Zuhörer. Um sich selbst auf die Probe zu stellen, können Sie während eines Gesprächs über die Sorgen Ihres Kindes seine/ihre Bedenken wiederholen. Zeigen Sie Verständnis für die Ängste Ihres Kindes, ohne zu dramatisieren (z. B. „Das ist wirklich schwierig, dass keiner genau weiß, wann du wieder Fußball spielen gehen kannst.“).

Gute Quellen für kindgerechte Erklärungen in Bezug auf die Corona-Pandemie sind z. B. Wissenssendungen für Kinder oder Kindernachrichten (z. B. werden im WDR-Fernsehen täglich Fragen rund um Corona beantwortet.

Seien Sie ein gutes Modell und zeigen Sie Ihrem Kind, dass Sie die Situation so akzeptieren, wie sie ist (z. B. „Es ist manchmal langweilig, nur zu Hause zu sein. Das geht mir auch so. Wir werden das Beste aus der Zeit machen.“) Fragen Sie Ihr Kind, was ihm jetzt im Augenblick helfen könnte (z. B. „Was genau könnte dich denn jetzt im Augenblick aufheitern? Was würdest du jetzt hier gerne machen?“)


6. Umgang mit Konflikten

In fast allen Familien gibt es zwischendurch Konflikte. Durch die derzeitigen Einschränkungen entsteht eine schwierige Situation (Rund um die Uhr zusammen sein, weniger Bewegung, weniger Aufgaben, …) da kann es sein, dass es häufiger zu Streitigkeiten kommt.

Klare Regeln und Tagesstrukturen können das Auftreten von Konflikten verringern (siehe Punkt 1). Es sollten einfache und wenige Regeln sein: z. B. Alle essen gemeinsam. Fernsehen ab 17:00 Uhr. Hausaufgaben von 9:00 Uhr bis 11:00 Uhr. Wenn Mama mit ihrem Büro telefoniert, sprechen wir mit leiser Stimme. Wichtig ist, dass sich alle Familienmitglieder an die Regeln halten!

Bei Konflikten rund um die Schulaufgaben können die zuständigen Lehrer mit einbezogen werden. Bitten Sie um Unterstützung der Kinder per E-Mail oder Telefon oder auf anderem Wege. Vielleicht können auch Freunde oder Großeltern die Kinder telefonisch bei den Hausaufgaben unterstützen.

Bevor Konflikte eskalieren:
  • Alle Beteiligten sollten sich zunächst getrennt voneinander beruhigen. So können Sie verhindern, dass Familienmitglieder sich anschreien oder Gewalt anwenden. Wenn Sie als Elternteil selber beteiligt sind, erklären Sie, dass Sie sich zunächst beruhigen möchten. Verlassen Sie den Raum. Gehen Sie spazieren oder in ein anderes Zimmer. Jüngere Kinder nicht alleine lassen, sondern andere Familienmitglieder mit der Betreuung beauftragen.
  • Sprechen Sie miteinander, wenn beide Parteien sich beruhigt haben; jeder sollte beschreiben, worum es ihm/ihr geht und was er/sie sich wünscht.
  • Finden Sie einen gemeinsamen Ausweg aus der Situation, akzeptieren Sie Uneinigkeiten oder holen Sie sich Hilfe von Dritten.


Weiterführende Informationen


  • Wenn sie sich mit der aktuellen häuslichen Situation überfordert fühlen oder Konflikte nicht mehr ruhig lösen können, erhalten Familien z. B. unter folgenden Telefonnummern Beratung und Unterstützung:
    • - Nummer gegen Kummer Elterntelefon: Tel.: 0800 1110550 (Mo bis Fr 09:00 bis 11:00 Uhr und Di und Do 17:00 bis 19:00 Uhr)
    • - Nummer gegen Kummer für Kinder & Jugendliche: Tel.: 116111 (Mo-Sa 14:00-20:00 Uhr)

  • Schulpsychologischer Dienst: Informationen zu Schulpsychologischen Beratungsstellen bundesweit finden Sie hier.
  • Der Kinderschutzbund bietet Hilfen für Familien vor Ort - hier können Sie sich informieren.
  • Weitere Telefonnummern für (anonyme) Beratungsangebote finden sich auf den Websites der Städte und Regionen.


Weitere Tipps, um psychisch gut durch die Corona-Zeit zu kommen:


von Dr. Heike Saßmann und Prof. Karin Lange
Medizinische Psychologie an der Medizinischen Hochschule Hannover