Begeistert ist Hans Lauber vom Messgerät FreeStyle Libre, das kontinuierlich den Glukosewert misst. Mit dem Gerät können passive Diabetes-Patienten endlich gezielt aktiv handeln, können Aktienten werden.

Schon lange fasziniert mich die Technik der kontinuierlichen Messung von Blutzucker. Schon vor über zehn Jahren ließ ich mir von Prof. Thomas Haak in Bad Mergentheim ein Gerät implantieren. Das war damals noch eine aufwendige Sache, alles sehr umständlich, sehr teuer. Aber es funktionierte, und ich konnte zum ersten Mal über Tage genau staunend sehen, was in meinem Körper passiert. Zwar hat sich die Technik in den letzten Jahren verbessert, aber irgendwie ist das Ganze immer ein Randthema geblieben, hat es sich nicht durchgesetzt.

Aber das ist Geschichte. Denn Ende vergangenen Jahres hat ein technologischer Quantensprung die Messtechnik revolutioniert. Dieser Meilenstein kommt wieder einmal aus den USA – ein Land, das es glänzend versteht, aus elitären Innovationen massentaugliche Produkte zu kreieren. So geschehen beim iPhone, das den Handymarkt komplett umgekrempelt hat. So nun geschehen beim „FreeStyle Libre“ des US-Konzerns Abbott.

Ein Lesegerät, ein Sensor – und alles selbst erklärend

Zwei Teile umfasst das System: Ein Lesegerät und einen Sensor, der ungefähr so groß ist wie eine 2-Euro-Münze. Der Sensor wird über eine mitgelieferte Apparatur in den Oberarm geschossen, was überhaupt nicht weh tut. Dort arbeitet er auf die Minute genau 14 Tage – und sendet an das Lesegerät rund eine Stunde nach dem Anbringen den ersten Wert – und jedes Mal, wenn wieder mit dem handlichen Gerät darüber gewischt wird, „scannt“ das FreeStyle wieder einen Wert. Die Werte werden gespeichert, lassen sich leicht wieder abrufen. Außerdem gibt es Kurven mit den Tagesprofilen, die vor allem zeigen, ob in der Nacht möglicherweise gefährliche Unterzuckerungen passieren, was vor allem für Insulin spritzende Patienten wichtig ist.

Was mich am meisten verblüfft: Das alles erklärt sich von selbst, ich habe die mitgelieferte Bedienungsanleitung kaum gebraucht. Auch funktioniert das Gerät erstaunlicherweise sogar durch die Kleidung. Prinzipiell stimmt auch der Preis, rund 170 Euro für Lesegerät und zwei Sensoren, was für einen Monat reicht. Allerdings war die Nachfrage so groß, dass das System über Monate nicht lieferbar war und nun erst einmal die Bestandskunden bedient werden. Ich hatte das Glück, dass mir Abbott ein Gerät zur Verfügung stellte.

© Hans Lauber
Chefarztbehandlung: Prof. Kristian Rett platziert den Sensor persönlich

Prinzipiell lässt sich das System selbst applizieren. Um aber sicher zu gehen, ging ich ins „Krankenhaus Sachsenhausen“ zu Prof. Kristian Rett, weil wir eh über den gemeinsamen „Diabetes Garten“ zu sprechen hatten. Der Chefarzt Diabetologie brachte den Sensor problemlos an – und ich hatte 14 Tage Zeit, meinen Blutzucker intensiv zu beobachten. Wobei Blutzucker nicht ganz richtig ist, denn die rund ein Zentimeter lange Plastikkanüle misst nicht wie herkömmliche BZ-Geräte die Glukose direkt im Blut, sondern im Gewebe unter der Haut, was vor allem bei schnell schwankenden Blutzuckerspiegeln zu Zeitverzögerungen führen kann.

Bleiben Sie gelassen!

Das sind meine Erfahrungen mit dem „FreeStyle Libre“: Es ist schon faszinierend, einen permanenten Blick ins Körperinnere zu werfen: Vor allem die Tagesprofile zeigen schonungslos, wie sich Lebensstil und Blutzuckerverlauf gegenseitig bedingen; sie zeigen aber auch, wann der Körper besonders Diabetes-fit ist und wann nicht. So gibt es bei mir eine ausgeprägte Schwäche in den Morgenstunden. Da kann es passieren, dass aus einem Nüchternwert von 100 mg/dl plötzlich ein Wert von über 150 wird – ohne dass ich groß etwas gegessen habe. Offensichtlich scheint das Insulin dann zu träge zu sein, es gibt vielleicht zu wenig davon, oder es wirkt zu schlecht, oder die Leber pumpt noch überschüssigen Zucker in die Blutbahn. Seit ich das das Phänomen kenne, halte ich mich morgens stärker zurück – und schon glättet sich die Kurve wieder.

Manchmal sind die Werte aber auch einfach Ausreißer, etwa wenn sie plötzlich in die Dimension von über 180 vorstoßen. Dann zeigen aber Vergleichsmessungen mit einem herkömmlichen BZ-Messgerät, dass der Wert um mindestens 30 Punkte zu hoch ausgefallen ist. Deshalb ist es oft sinnvoller, statt auf den aktuellen Wert lieber auf die Trendpfeile zu achten, die zeigen, ob der Wert weiter steigt oder auch wieder fällt. Bei mir sind diese „Zuckerspitzen“ jedenfalls immer ein vorübergehendes Phänomen – und übrigens hatte ich diese Spitzen schon vor über 10 Jahren, als ich bei Prof. Haak war.

Meine Empfehlung: Bleiben Sie gelassen, nehmen Sie nicht jeden Wert für bare Münze. Denken Sie daran, dass Ihr Körper keine Maschine ist, dass er ein atmendes System ist – und die kontinuierliche Zuckermessung hilft Ihnen, die Atmung besser zu kontrollieren. Es wäre interessant zu beobachten, wie sich das im Kontext mit Yoga auswirkt, eine Technik, die auch stark auf bewusstem Atmen beruht.

Bewegung wird belohnt

Es gibt kein wirksameres „Medikament“ bei Diabetes als Bewegung. Das ist bekannt. Doch selbst ich bin verblüfft, wie schnell wirksam die „Lauf-Pille“ tatsächlich wirkt: Eine halbe Stunde joggen, eine Stunde radfahren senkt die Werte zuverlässig um 30 bis 50 Punkte. Ganz besonders wichtig: Ein abendlicher Spaziergang von rund einer Stunde vor dem Schlafengehen glättet möglicherweise noch überhöhte Werte vom Abendessen – und hilft, die Nacht über einen gleichmäßigen Blutzuckerspiegel zu halten.

Ein mächtiges Motivationsinstrument müsste das System für notorische Bewegungsmuffel sein. Wenn sie plötzlich sehen, wie positiv ihr Körper auf körperliche Aktivität reagiert, fällt es sicher leichter, sich tatsächlich einmal aus dem Sessel zu erheben – oder wenigstens strampelnd vom Hometrainer aus fernzusehen.

Schlankheit wird messbar

Was viele nicht wissen: Blutzuckerspiegel und „Hüftgold“ stehen in einer engen Wechselwirkung: Steigt nach dem Essen mit vielen „schnellen“ Kohlenhydraten, etwa weichgekochten Nudeln, der Blutzucker stark an, schüttet der Körper Insulin aus, um die Süßfluten zu bändigen. Insulin ist aber ein Masthormon, das die überschüssige Glukose erst einmal in den Fettzellen speichert – und dort bleibt sie dann meistens und bildet die solide Grundlage für dauerhafte „Schwimmringe“. Wer also solche Zuckerspitzen vermeidet, kann sich dauerhaft über einen schlanken Körper freuen.

Meiner Meinung wird gerade diese Schlankheitsfunktion dem Gerät über den Diabetes-Bereich hinaus eine ungeheure Popularität verschaffen. Die Marketing-starken Amerikaner haben sicher schon Pläne, wie sie mit chic gestylten Sensoren und Lesegeräten das FreeStyle Libre zu einem Lifestyle-Produkt machen.

GeMessen essen heißt handelnd essen

Manches, was ich geschrieben habe, war richtig – aber es war viel zu früh. So habe ich schon vor Jahren propagiert, die Blutzuckermessung einzusetzen, um gezielt das Gewicht zu steuern, um den Typ-2-Diabetes möglichst lange ohne Medikamente oder weniger Medikamenten in den Griff zu bekommen. Das war gut gemeint, aber letztlich mit der herkömmlichen Einmal-Messung nicht zu realisieren. Gut, ich habe manchmal am Tag bis zu zehn Mal den „Zucker“ gemessen, weiß seitdem einigermaßen, wie mein Körper reagiert. Aber da bin ich natürlich eine Ausnahme.

Weit aussagekräftiger als solche punktuellen Messungen ist da aber auch für mich das „Tagesprofil“ im FreeStyle, dessen blauer Schattierung meinen „Zielbereich“ von 80 bis 150 mg/dl abbildet – und in diesem Bereich bewege ich mich zu über 95 Prozent, was auch in dem Gerät gespeichert ist. Übrigens: Die stark abfallende Kurve am Nachmittag, das sind meine langen Radtouren.

© Hans Lauber
Alles im blauen Bereich: Ein Tagesprofil von mir

„Aktienten statt Patienten“ lautete meine Forderung in „Messen. Essen. Laufen – Fit wie ein Diabetiker“. Eine Vision, aber eine, die jetzt endlich Wirklichkeit werden kann. Denn nun können sich Lifestyle-Diabetiker, wie ich den Typ-2 gerne nenne, so ernähren, so bewegen, dass sich ihre Blutzuckerkurve in schicklichen Bahnen bewegt. Plötzlich ist der Diabetes kein dumpfes Schicksal mehr, sondern er kann als Chance gesehen werden, selbst aktiv zu werden. Sicher, das wird nicht für alle gelten. Aber es sind von den bald zehn Millionen Diabetikern allein in Deutschland mehr, als die Betroffenen heute noch ahnen. Das wird sicher mit ein Grund sein, warum es ernsthafte Überlegungen und Aktivitäten bei einzelnen Kassen gibt, die Kosten für das FreeStyle Libre ganz oder teilweise zu übernehmen.

Starke Infektion und „Sensorfehler“

Sehr gefreut habe ich mich, als mir Abbott noch einen zweiten Sensor zur Verfügung stellte. Den habe ich dann auch ohne Probleme selbst appliziert. Allerdings fing die Einstichstelle nach rund drei Tagen plötzlich an, leicht rot zu werden, leicht zu schmerzen. Das wurde dann am 8. Mai so stark, dass ich den Sensor hastig entfernte – und mich in die Notaufnahme des Krankenhauses in Lörrach begab, weil es an einem Freitag abend war.

Dort diagnostizierte der Arzt eine „große Schwellung am Oberarm, bis zum Ellbogen auslaufend mit Übererwärmung und Phlegmone“, also eine eitrige Entzündung des Bindegewebes. Er empfahl „Kühlen, Schonen, Hochlagern“ und verordnete das Antibiotikum Amoclav, was ich leider sehr schlecht vertrug. Am Sonntag morgen durfte ich noch einmal vorbeikommen – und da zeigte es sich, dass die Entzündung langsam nachließ. Inzwischen ist davon praktisch nichts mehr zu sehen.

Wo das herkam? Schwer zu sagen. Abbott kennt einen solchen Fall nicht und auch die Ärzte, mit denen ich sprach, haben so etwas noch nicht erlebt. Nun, einer ist immer der erste, wahrscheinlich gab es eine kleine Infektion beim Einsetzen, weshalb ich empfehle, bei den ersten Entzündungsanzeichen sofort den Sensor zu entfernen.

Auch mal ein Dankeschön!

Ein großes Dankeschön möchte ich an das Krankenhaus meiner Heimatstadt ausrichten. Obwohl nur Kassenpatient, wurde ich hervorragend betreut – und es herrscht dort eine äußerst angenehme, menschliche Atmosphäre. Ich sage das deshalb, weil wir uns immer gerne beschweren, wenn es mal nicht so gut läuft.

Ich habe dann noch einen weiteren Versuch mit einem Sensor unternommen, den mir ein Abbott-Arzt persönlich einsetzte. Der funktionierte auch einige Tage prima, um dann plötzlich statt Messwerten nur noch „Sensorfehler“ zu melden und den Geist aufgab. Immerhin, es gab keine weiteren Komplikationen.

Das sind wahrscheinlich Kinderkrankheiten, die sich abstellen lassen. Sie hindern mich aber nicht am meinem positiven

Fazit: Das FreeStyle Libre wird die Diabetes-Therapie nachhaltig verändern. Arzt und Betroffene können auf eine bislang für unmöglich gehaltene Weise in einen konstruktiven Dialog gelangen. Und die Betroffenen haben nun ein Tool in der Hand, tatsächlich eigenverantwortlich mit dem Diabetes umzugehen. Wer allerdings keine Lust hat, selbst etwas zu machen, dem kann auch das Gerät nicht helfen. Der sollte das System meiden, denn sonst erzeugen die Werte nur Frust.

GeMessen essen für mein neues Kochbuch

Meine persönliche Hoffnung: Dass ich irgendwann noch einmal Sensoren bekomme, um für mein im Herbst erscheinendes Buch „Heimatküche für Diabetiker“ die Rezepte auf ihre Blutzuckertauglichkeit zu scannen.


von Hans Lauber
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