Warum ist die nichtalkoholische Fettleber eine völlig unterschätzte Diabetes-Ursache? Hans Lauber spricht darüber mit dem Ernährungs-Experten Dr. Nicolai Worm.

Der Münchner Diplom-Ernährungswissenschaftler Dr. Nicolai Worm entwickelte die LOGI-Methode, eine umfassende Ernährungsempfehlung, mit der sich die Auswirkungen des Metabolischen Syndroms langfristig eigenverantwortlich im Zaum halten lassen.

Er ist Professor für Ernährungswissenschaft an der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement in Saarbrücken und Autor zahlreicher Bücher zu den Themen Übergewicht, Insulinresistenz und Folgeerkrankungen. Seit langem setzt er sich kritisch mit den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) auseinander – und beklagt, dass die massiven Probleme durch die nichtalkoholische Fettleber verkannt werden.

Organ-Verfettung: 20 Millionen Menschen in Deutschland

Allein in Deutschland leiden an die 20 Millionen Menschen unter einer Verfettung der inneren Organe, schätzt Dr. Worm, was zu starken gesundheitlichen Schäden führt – und was eine wichtige Ursache für die epidemische Ausbreitung des Typ-2-Diabetes ist.

Wie sich die Leberverfettung erkennen lässt, und wie sie sich mit einer klugen Diät in vielen Fällen behandeln lässt, darüber habe ich mit dem langjährigen Leiter eines EU-Forschungsprogramms in München gesprochen. Das Gespräch gehört in meine Reihe „DiabDialog“, in der ich kontrovers diskutierte Diabetes-Themen behandle.

© Hans Lauber
Warnt vor den Folgen der Fettleber: Dr. Nicolai Worm

Hans Lauber: Ist Übergewicht wirklich die Hauptursache für Typ-2-Diabetes?

Dr. Worm: Nur bedingt. Es kommt wesentlich mehr darauf an, wie die zu vielen Pfunde im Körper verteilt sind. Der gängige Maßstab BMI kann täuschen - so kann es sein, dass gut trainierte Menschen mit viel Muskelmasse als übergewichtig eingestuft werden, während Untrainierte mit höherem Körperfettanteil als normalgewichtig gelten.

Wie wird das gemessen?

Das Maß aller Dinge war lange Zeit der Body-Mass-Index BMI. An sich eine gute Sache, weil er das Gewicht ins Verhältnis zur Körpergröße setzt. Aber er differenziert nicht zwischen den Anteilen an Muskel- und Fettmasse, und erfasst vor allem nicht den Anteil an viszeralem Fett in der Bauchhöhle. Wenn diese und die dort befindlichen Organe verfettet sind, werden gefährliche Stoffwechselprozesse ausgelöst. Auch kann der BMI nicht die so gefährliche Verfettung der inneren Organe abbilden. Deshalb gilt: Der BMI in seiner jetzigen Form ist sinnlos – und teilweise sogar gefährlich. Er gehört als gesundheitsrelevantes Kriterium abgeschafft!


»Der BMI gehört abgeschafft!«


Was ist an der Verfettung so gefährlich?

Unser natürlicher Fettspeicher liegt unter der Haut. Ist die Funktion dieser Speicher gestört, sucht sich das Fett andere Ablagerungsstätten – vor allem werden die Leber, die Nieren, die Bauchspeicheldrüse, das Herz und teilweise sogar die Knochen von diesem sogenannten ektopen Fett befallen. Die Fetteinlagerungen in diesen Organen lösen dort Entzündungen und Insulinresistenz aus, was im Endeffekt zu deren Funktionsstörungen führt. Als erstes wird die Leber verfettet. Dann ist sie insulinresistent und wird vom Insulin nicht mehr geregelt.

Mit welchen Folgen?

Die Verfettung und chronische Entzündung der Zellen hat gravierende Folgen für alle inneren Organe, etwa für das Herz. Aber es hat auch dramatische Auswirkungen für die Entstehung eines manifesten Typ-2-Diabetes. Denn die verfettete Bauchspeicheldrüse kurbelt permanent die Produktion des Insulin-Gegenspielers Glukagon an – und dieses Hormon aktiviert die kontinuierliche Ausschüttung von Glukose aus der Leber, was den Blutzuckerspiegel in die Höhe treibt.

Wie lässt sich das feststellen?

Frühzeitig kann man das an stetig steigenden Nüchter-Blutzuckerwerten erkennen. Eine insulinresistente Fettleber gibt über Nacht ständig viel zu viel Glukose ins Blut ab. Ein Nüchternwert von über 100 ist ein Alarmzeichen! Nach dem Essen nimmt eine Fettleber das Insulinsignal nicht richtig wahr und gibt dann auch Zucker ins Blut ab, obwohl doch bereits über die Nahrung mehr als genügend Glukose ins Blut gelangte.

Was passiert noch?

Auch entzündet sich die Insulin-produzierende Betazelle und baut sich langsam ab, sodass die besonders hohen Insulinmengen zur Kompensation der Insulinresistenz nicht mehr bereitgestellt werden können und sich dann wegen des relativen Insulinmangels ein manifester Typ-2-Diabetes einstellt. Der hohe Blutzucker- und Insulinanstieg führt zu einer fatalen Kettenreaktion: Diese beiden Faktoren wirken als Aktivatoren von Genen in der Leber, die nun Glukose primär in Fett umwandelt, was zu der beschriebenen Leberverfettung führt. Besonders dramatisch ist dieser Prozess, wenn viel Fruchtzucker auf einmal in den Körper gelangt.

Warum?

Weil nur die Leber die Fruktose verarbeiten kann – und sie in verwertbare Glukose umbauen kann. Bei zu hoher Dosis ist dieser Stoffwechselweg überfordert, und es wird alles in Fett verwandelt.

Wie viele sind davon betroffen?

Unvorstellbar viele! Ich schätze, dass allein in Deutschland an die 20 Millionen Menschen an einer Fettleber leiden. Auch haben schon 30 Prozent der übergewichtigen Schulkinder eine Fettleber. Hier baut sich ein gigantisches Problem für das Gesundheitssystem auf.


»Über 20 Millionen haben eine Fettleber«


Was sind die Hauptursachen?

Es ist die Kombination von geringer Muskelaktivität und dem ständigen Verzehr von schnell blutzuckerwirksamen Kohlenhydraten: Weißmehlprodukte, weißer Reis und Kartoffeln. Vor allem aber die gesüßten Fruchtsäfte, die Colas mit ihren großen Mengen an Zucker, wobei bedacht werden muss, dass auch der Haushaltszucker zu 50 Prozent aus Fruktose besteht. Leider sind aber auch die hoch gelobten Smoothies ein Problem. Denn wer würde schon fünf Äpfel oder Orangen am Stück essen – und genau diese Menge ist in vielen Smoothies. Deshalb: Früchte gehören gegessen, nicht getrunken!

Nun sagen aber gern zitierte Experten wie Udo Pollmer, Zucker habe nichts mit Diabetes zu tun?

Das ist falsch. Pollmer verfährt nach einer Maxime: „Hauptsache dagegen!“ Schade, dass diese Masche immer wieder in den Medien verfängt. Geschickt greift er aber auch die Schwachstellen der herrschenden Ernährungslehre an. So kennt er natürlich die Schwächen des BMI und propagiert fröhlich das gesunde Dicksein. Das funktioniert sogar in Grenzen, selbst ein massiv übergewichtiger Sumo-Ringer ist einigermaßen fit – solange er trainiert. Pollmer hingegen wiegt viele untrainierte Übergewichtige in eine falsche Sicherheit – und das ist gefährlich. So wird er zum Rattenfänger, dem viele auf den Leim gehen.


»Leute wie Pollmer sind gefährlich«


Wie lässt sich die Leberverfettung diagnostizieren?

Leider nicht ganz leicht. Eine Ultraschalluntersuchung kann bei stärkerer Verfettung Aufschluss geben. Wirkliche Gewissheit bringt nur die Leberbiopsie oder eine teure MRT-Untersuchung, die aber kaum von den Kassen bezahlt wird. Ein wichtiger Indikator ist aber der Fatty Liver Index FLI, der BMI, Gewicht, Taillenumfang, Triglyceride und das leberspezifische Enzym Gamma-GT berücksichtigt. Liegt der FLI bei über 60 besteht zu 80 Prozent der Verdacht auf eine Fettleber. Liegt er bei unter 20 ist eine Fettleber praktisch auszuschließen.

Mit folgendem Rechner kann der Index berechnet werden:

 

Ermittlung des Fettleber-Index (FLI)

Der FLI wurde entwickelt vom Fondazione Italiana Fegato (Zentrum für Leberforschung, Italien)

Triglyzeride mg/dL
BMI (kg/m2)
Gamma-GT (U/L)
Taillenumfang cm

Fettleber-Index (FLI):      
 


Der fragende Hans Lauber hat einen FLI von unter 10.

Warum achten Ärzte nicht verstärkt auf diesen Wert?

Weil es sehr neue wissenschaftliche Erkenntnisse sind, und es erfahrungsgemäß lange dauert, bis solche Erkenntnisse in den ärztlichen Alltag einfließen. Außerdem gibt es keine etablierte medikamentöse Therapie gegen Fettleber und somit auch keine Pharma-Fortbildung für Ärzte. Beispielsweise wurde ja auch bis vor kurzem noch Fruktose als Alternative zu Zucker empfohlen. So wird es auch noch einige Jahre dauern, bis die Gefahren der Leberverfettung erkannt werden.

Was kann der Einzelne tun?

Bewegung! Bewegung! Bewegung! Jede Form zählt, sei es Treppen steigen, sei es Radfahren. Es muss kein Leistungssport sein, wichtig sind regelmäßige Muskelaktivitäten. Ganz wichtig ist das immer noch vernachlässigte Krafttraining, gerade auch für ältere Menschen. Dabei wird Muskelmasse aufgebaut, die zu einer kontinuierlichen Fettverbrennung führt. Wer das intensiv betreibt, kann in die hochgelobten Sphären des „Schlank im Schlaf“ kommen, weil dann die Kraftwerke in den Zellen, die Mitochondrien, auf „Dauerfeuer“ geschaltet werden.


»Krafttraining ist enorm wichtig!«


Reicht das?

Natürlich gehört gleichzeitig eine kluge Ernährung dazu mit viel Gemüse, mit Ballaststoffen, mit wenig schnellen Kohlenhydraten, also wenig Stärke und Zucker. Wer das konsequent befolgt, kann es schaffen, in wenigen Monaten wieder unter die Schwelle der individuellen Verfettung zu kommen – und das sind manchmal nur fünf oder sechs Kilo, die hier den Ausschlag geben. Es geht also nicht um das quälende Abnehmen an sich, sondern um das gezielte.

Schaffen das alle?

Leider nicht. Für diese Personen gibt es spezielle Formula-Diäten, die oft nach einigen Wochen schon erstaunliche Ergebnisse erzielen. Allerdings empfiehlt es sich in vielen Fällen, diese Diäten unter ärztlicher Aufsicht durchzuführen.

Warum haben Sie auch eine solche Formula-Diät entwickelt?

Weil ich diese bewährten Diäten weiter verbessern wollte, vor allem durch mehr Ballaststoffe. Zu meinem Konzept „Leberfasten nach Dr. Worm“ habe ich eine spezielle Formula „Hepafast“ mit hochwertigen Proteinen und leberaktiven Stoffen zusammengestellt. Auch habe ich vom berühmten Konzept der Hafertage die Haferkleie übernommen, die im Magen-Darm-Trakt aufgequollen, ein starkes Sättigungsgefühl vermitteln. Dann enthält die Mischung das vom Topinambur bekannte Inulin, ein unverdaulicher Ballaststoff, der dafür sorgt, dass der Zucker aus der Nahrung nicht so schnell ins Blut geht. Und ich habe das Vitamin Cholin beigemischt, das essenziell für eine normale Leberfunktion ist. Außerdem die entzündungshemmende Aminosäure L-Carnitin und fettverbrennendes Taurin sowie Omega-3-Fettsäuren, welche die Fettverbrennung in der Leber fördern.

Schmeckt dieser Cocktail?

Ja, das war mir ganz wichtig! Darin sind meine ganzen Erfahrungen als Ernährungsforscher und Gerne-Gut-Esser eingeflossen. Ich probiere Hepafast regelmäßig und bin immer noch zufrieden.

Was kostet es?

Eine Portion liegt bei drei Euro. Drei Portionen plus eine ordentliche Menge Gemüse empfehle ich pro Tag – und das Ganze mindestens zwei Wochen und wenn notwendig drei bis vier Wochen. Im Normalfall wird in dieser Zeit die Leber so entfettet, dass sie aufhört, überflüssig viel Glukose ans Blut abzugeben – nüchtern wie nach dem Essen. Und es kommt es nach dieser Zeit wieder zu einer Entfettung der Bauchspeicheldrüse, wodurch bei vielen Diabetikern wieder eine merkliche Zunahme der er ersten Phase der Insulinausschüttung nach dem Essen ermöglicht wird. Während des „Leberfastens“ müssen ganz schnell Diabetesmedikamente reduziert oder ganz abgesetzt werden. Der Diabetes ist dann zwar nicht geheilt, aber in das Stadium der Disposition zurückgedrängt, die man Remission nennt. Im Anschluss kommt es darauf an, etwa mit der LOGI-Methode im Alltag das Erreichte zu sichern.

Klappt dieser Erfolg für alle?

Nach unseren Erfahrungen sind solche positiven Wirkungen vor allem dann zu erzielen, wenn der Diabetes noch im Anfangsstadium ist, also in den ersten drei bis fünf Jahren. Danach wird es schwieriger.


»Oft wird die Insulinausschüttung wieder normal«


Gibt es Beweise?

Es gibt eine große Studie des Universitätsklinikums des Saarlands, die eindrucksvolle Ergebnisse geliefert hat. Aktuell läuft eine weitere Studie an der renommierten Universität Hohenheim, wo wir Hepafast im Vergleich zu den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung testen. Ich glaube, wir werden besser sein als die offiziellen Empfehlungen.

Wird danach das große Umdenken kommen?

So schnell wird es nicht gehen. Erst wenn das Gesundheitssystem merkt, welche gigantischen Kosten die über 20 Millionen Menschen mit Fettleber verursachen, wird das Umdenken kommen – und dann wahrscheinlich sehr schnell!


von Hans Lauber
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